Als Direktorin der Empa leitet Tanja Zimmermann ein Team von rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Material­forschung
für den Alltag

Effizientere Batterien, textile Sensoren, selbst heilender Zement: An der Empa werden Materialien in ihrer ganzen Breite erforscht. Empa-Direktorin Tanja Zimmermann erklärt, was Materialforschung bewirkt, wohin sie sich entwickelt – und weshalb Holz ihr Lieblingsmaterial ist.

Tanja Zimmermann, die Empa ist DIE Schweizer Einrichtung für Material­forschung. Woran würden wir es als Gesellschaft merken, wenn es keine Material­forschung mehr gäbe?

Rund zwei Drittel aller Innovationen basieren auf Material­ent­wicklungen. Ohne Material­forschung gäbe es keine Fortschritte, auch in unserem Alltag. Niemand könnte etwa eine neue Batterie oder einen medizinischen Sensor entwickeln.
 

Gibt es typische Beispiele von Materialien, die an der Empa entstehen?

Wir entwickeln und optimieren Materialien und Fertigungs­technologien vor allem in drei Bereichen: im Bauwesen, im Energie- und im Gesundheits­bereich. Das Spektrum reicht von der Grundlagen­forschung bis zu Machbarkeits­studien zusammen mit Industrie­partnern. Im Energie­bereich geht es zum Beispiel um neuartige und effizientere Batterie- oder Photo­voltaik­techno­logien. Es werden aber auch ganz neue Material­klassen weiterentwickelt, wie etwa MXene, das sind zwei­dimensionale Nano­materialien, die als Energie­speicher für die Elektronik und Sensorik interessant werden könnten.
 

Und in den anderen beiden Bereichen?

Bei Materialien für medizinische Anwen­dungen entwickeln wir etwa textile Sensoren für die Langzeit-EKG-Überwachung, die keine Metall-Elek­troden mehr enthalten. Sie funktio­nieren zuverlässig über lange Zeit und verhindern Haut­reizungen. Oder wir entwickeln einen speziellen Kleber, der undichte Stellen nach einer Operation im Bauch­raum verschliesst und dank integrierter Sensoren sofort warnt, falls ein Leck entsteht. Im Bau­bereich stehen Konzepte aus der Kreis­lauf­wirtschaft und die Ressourcen­effizienz im Zentrum. Wir arbeiten beispiels­weise an neuen Materialien, die mit deutlich weniger Beton und Stahl die gleiche Festig­keit erreichen – deren Herstellung also viel geringere CO2-Emis­sionen verursacht. Wir versuchen sogar, CO2-negative Materialien zu entwickeln.
 

Was bedeutet das?

Selbst wenn die Menschheit heute aufhören würde CO2 auszustossen, hätten wir immer noch zu viel davon in der Atmosphäre. Die CO2-Konzentration würde nur sehr langsam wieder abnehmen. Darum müssen wir CO2 aus der Atmos­phäre entfernen, quasi aufräumen. Unser Ziel ist es, der Atmos­phäre das überschüssige CO2 zu entziehen, es dann aber nicht einfach in den Boden zu pumpen, sondern als Roh­stoff zu nutzen. Dafür haben wir die Forschungs­initiative «Mining the Atmosphere» gestartet, an der inzwischen mehr als die Hälfte aller Empa-Labs teilnehmen. Wir untersuchen zum Beispiel, ob sich der Kohlenstoff aus dem CO2 für keramische Werk­stoffe wie Siliziumkarbid nutzen lässt. Oder wie wir den Kohlen­stoff in Bau­stoffen wie Beton einlagern können.
 

Das klingt nach Zukunfts­musik. Gibt es auch Empa-Innovationen, die bereits heute einen grossen Impact haben in der Gesellschaft?

Sehr viele. Unser Ziel ist es stets, Wirkung zu erzielen – für KMUs, generell für die Industrie, für das Gesundheits­wesen, für die Gesellschaft. Wir haben zum Beispiel ein Verfahren entwickelt, mit dem man in wasserabweisenden Sporttextilien die proble­matischen PFAS-Chemi­kalien ersetzen kann. Oder wir bauen mit extrem hitzeresistenten Materialien eine Drohne, die direkt in ein Brand­geschehen fliegen kann, um Aufnahmen für die Feuerwehr zu machen, ohne Menschenleben zu gefährden. Und eine unserer Abteilungen hat über Jahre daran gearbeitet, kohle­faser­verstärkte Kunst­stoffe zu entwickeln. Sie arbeitete schon vor ungefähr 20 Jahren mit dem Alinghi-Segelteam zusammen, das damals den America’s Cup gewann. Nun kommen diese ultraleichten, aber auch enorm robusten Materialien im Grossmassstab in die Umsetzung – und zwar in Brücken und anderen Bau­werken. Damit lässt sich sehr viel Stahl ersetzen, die Konstruk­tionen werden viel leichter – bei den gleichen mechanischen Eigen­schaften. Es gäbe noch viele andere Beispiele mit unzähligen Materialien.
 

 

 

 

«Nachhaltigkeit kann nur entstehen, wenn die Technologie dazu vorhanden ist.»

Wie hat sich die Materialforschung in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Sie hat sich extrem gewandelt. Zum einen durch den Einsatz digitaler Technologien. Die heutige Material­ent­wicklung läuft computergestützt ab – mit Simulationen, Maschinellem Lernen, digitalen Zwillingen. Zum anderen haben sich die Analyse- und Charakterisierungsmöglichkeiten enorm verbessert. Was sich heute auf atomarer Ebene abbilden und untersuchen lässt, ist unglaublich. Auf diese Weise erkannte man zum Beispiel, dass sich Materialien im Nanobereich zum Teil ganz anders verhalten als im Mikro- oder Makro­bereich. Und schliesslich ist die Material­forschung viel effizienter geworden. Heute ist es möglich, mit Hochdurchsatz-Anlagen Hunderte von Materialproben innert kürzester Zeit zu charakterisieren.
 

Auch die Empa selbst hat sich gewandelt, von der einstigen Material­prüfungs­anstalt zur international anerkannten Forschungs­institution. Wie wichtig ist die Material­prüfung noch für die Empa?

Die klassische Material­prüfung spielt heute an der Empa keine grosse Rolle mehr. Alles, was auch private Ingenieur­büros testen können, sollen sie übernehmen. Wir tragen aber weiterhin überall dort zur Material­prüfung oder -normierung bei, wo sehr spezifisches Know-how oder spezielle Anlagen notwendig sind.
 

Wo zum Beispiel?

Durch die Klima­erwärmung werden künftig andere Bau­marten in unseren Wäldern wachsen. Fichten und Tannen, die bisher im Bau­bereich vor allem verwendet wurden, gehen zurück. In unserer Bauhalle entwickeln und testen wir deshalb zum Beispiel die Stabilität von Holz­trägern aus Laub­hölzern für grosse Bauten. Diese Ergebnisse fliessen in die Normierung ein. Und wir haben Teile der 2018 in Genua einge­stürzten Morandi-Brücke untersucht. Dafür benötigt man ganz unter­schiedliche Exper­tise gleichzeitig: etwa für Metalle und Korrosion, Beton und Ingenieur­strukturen. An der Empa haben wir Expertinnen und Experten in all diesen Bereichen.
 

Gibt es Forschungs­bereiche, für die das Prüf­wesen wichtig geblieben ist?

Ja, zum Beispiel bei Beton und Asphalt. Es gibt nicht überall private Firmen, die einen Prüf-Service anbieten und über entsprechende Infrastruktur verfügen. Und uns helfen solche Angebote, Vertrauen aufzubauen. Firmen kommen im Gegenzug auf uns zu für Forschungs­projekte. Überhaupt stand die Empa als Prüfanstalt ja immer für Qualität. Die Bevölkerung wusste: Was von der Empa geprüft wurde, funktioniert – egal ob der Fussball für die WM oder das Kondom. Dieser Ruf ist auch heute für unsere Forschung wichtig.
 

Sie selbst kommen aus der Holz­forschung. Was fasziniert Sie an diesem Material?

Holz ist ein unglaublich viel­seitiges und spannendes Material. Es ist die einzige nachhaltig nachwachsende Ressource, über die wir in der Schweiz verfügen. Es ist leicht und trotzdem sehr stabil. Ich finde es faszinierend, wie die Natur es schafft, auf höchst effiziente Weise einen solch funktionalen Leicht­bauwerk­stoff herzustellen. Ausserdem ist Holz extrem gut modifizier- oder funktionalisierbar.
 

Was bedeutet das?

Wir haben Holz mit neuen Eigen­schaften ausgerüstet, um etwa antimikrobielles, wasser­abweisendes oder auch schwer entflammbares Holz zu erzeugen.

«Wir erzeugen anti­mikrobielles und schwer entflammbares Holz.»

Wie genau?

Man bringt zum Beispiel Mineralien ins Holz ein, um es feuerfest zu machen. Unsere ersten Versuche waren mit Kalk, der an die Zellwände angelagert wird. Etwas Ähnliches versuchen wir jetzt mit Kohlenstoff, um Holz zu einer noch grösseren CO2-Senke und gleichzeitig für Mikroorganismen schwieriger zersetzbar zu machen. Um anti­mikro­bielles Holz zu erzeugen, haben wir Jod chemisch an das enzymatisch aktivierte Holz gebunden.
 

Sie haben vor allem mit Nano-Zellulose geforscht. Was ist das?

Bei fibril­lierter Zellulose, wie wir sie nennen, handelt es sich um Zellulose­fibrillen, die Holz oder andere Pflanzen­zell­wände aufbauen und deren Durch­messer im Nano­meter­bereich und deren Länge im Mikro­meter­bereich liegen. Sie haben unglaubliche Eigen­schaften für technische Anwendungen. Man braucht nur wenige dieser Fibrillen in Wasser zu geben, dann erhält man ein festes, transpa­rentes oder trans­luzentes Gel. Daraus ergeben sich diverse Anwendungs­möglichkeiten. Man kann es als Hydrogel nutzen. Oder Schwämme daraus herstellen, die so porös sind, dass sich damit CO2 aus der Luft einfangen lässt. Wir haben auch Zellulose-Schwämme hergestellt, die Öl aufsaugen, Wasser aber nicht und so bei Ölver­schmutzungen in Gewässern helfen können.

Gibt es noch andere Anwendungen?

Fibrillierte Zellulose lässt sich als Verstärkungs­material in Kleb­stoffen nutzen. Und wenn man sie stark verpresst, ist sie eine gute Sauer­stoff­barriere. Wir haben daraus eine Sprüh­verpackung für Früchte und Gemüse entwickelt. Die fibril­lierte Zellulose wird als wässrige Suspension auf das Lebens­mittel gesprayt und trocknet als dünner Film ab. Vor dem Verzehr kann man sie einfach abwaschen, grund­sätzlich könnte man sie sogar mit­essen. Sie sorgt dafür, dass etwa Gurken bis zu zwei Wochen länger halten.
 

Sie haben mit fibril­lierter Zellu­lose sogar lebende Materi­alien erzeugt.

Das ist noch gar nicht lange her. Es war das letzte grosse, vom Schweizerischen National­fonds finanzierte Projekt, das ich mit­betreut habe, auch noch in meiner Zeit als Empa-Direk­torin. Wir haben Tinten entwickelt, die Nano­zellulose und Kiesel­algen, sogenannte Diatomeen, enthalten –und es geschafft, das Ganze mit einem 3D-Drucker zu drucken.
 

Was bringt das?

Kiesel­algen sind Indikatoren für die Wasser­qualität. Wir konnten Sensoren bauen, die auf Wasser­verun­reini­gungen reagieren. So könnte man die Wasser­qualität in Gewässern über­wachen. Es ist aber noch einiges an Arbeit nötig, um aus dem Konzept einen praxis­tauglichen Sensor zu entwickeln. Es gibt weitere Ideen für den Einsatz von «lebenden Materi­alien». Zum Beispiel könnte man bestimmte Bakterien in Zement einbringen, die in der Lage sind, bestimmte Nähr­stoffe in Calcium­carbonat umzuwandeln. Das liesse sich nutzen, um schwer zugängliche Risse im Zement auszubessern – eine Art selbst heilender Zement also.
 

Die Empa entwickelt laut ihrem Leitbild Materialien und Techno­logien für eine nachhaltige Zukunft. Welche Rolle spielen neue Materialien für Nach­haltig­keit?

Eine ganz wesentliche. Nachhaltig­keit kann nur entstehen, wenn die Techno­logie dazu vorhanden ist – sei es für Kreis­lauf­wirtschaft, für Ressour­cen­effizienz oder durch Wieder­verwend­barkeit. Auf der anderen Seite muss auch die Akzep­tanz seitens der Gesell­schaft vorhanden sein. Und am Ende muss sich die Energie­wende auch wirt­schaft­lich auszahlen. In diesem Spannungs­feld arbeiten wir.
 

Woran scheitern Umsetzungen von der For­schung in die Praxis?

Das ist unter­schiedlich. Wir haben von unseren mehr als 350 Schweizer Industrie­partnern gelernt: Selbst wenn wir noch so tolle Materialien und Techno­logien entwickeln, funktioniert der Transfer in die Praxis nur dann, wenn es sich auch lohnt. Zudem hat man in der Vergangen­heit oft vergessen, auch die Bevölkerung mitzunehmen. Man hat etwas entwickelt und geglaubt, die Gesell­schaft werde es dann schon annehmen und nutzen. Aber der wichtigste Grund für ein Scheitern ist normaler­weise die Skalierung: Etwas funktioniert im Labor, aber noch lange nicht in einem grösseren Mass­stab. Darum ist es wichtig, dass wir an der Empa über verschiedene Techno­logie­trans­fer­platt­formen verfügen, in denen wir Materialien auch im grösseren Mass­stab auf ihre Praxis­tauglich­keit testen.
 

Wo sehen Sie die Anwendungs­felder der Zukunft für Material­innovationen?

Bei den Materialien rund um Energie­wende und Klima­wandel gibt es noch viel zu erforschen, das wird ein Trend bleiben. Beim Thema Digita­lisierung müssen wir aufpassen, dass wir in der Schweiz den Zug nicht verpassen – und unsere Nische suchen, weil wir nicht die Ressourcen haben, alle Aspekte zu bearbeiten. Die alternde Gesell­schaft ist ebenfalls ein grosses Thema, und Techno­logien für die Weltraum­for­schung sind gerade im Trend. Bei einem weiteren Thema hätte ich noch vor einigen Jahren nie gedacht, dass es aufkommen würde.
 

Bei welchem?

Bei der Sicherheit und Verteidigung. Wir sind eine Bundes­institution und verpflichtet, auch solche Themen zu untersuchen, wenn die Schweizer Behörden dies­bezüglich Bedürf­nisse haben. Es geht dabei um Materialien und beispiels­weise darum, wie man eine dezentrale Energie­ver­sorgung im Gelände sicher­stellt oder wie man Körper­funk­tionen bei Soldaten im Einsatz überwacht.

«Die klassische Material­prüfung spielt heute an der Empa keine grosse Rolle mehr.»

Wie können Stiftungen wie die WSS mithelfen, damit in Institutionen wie der Empa neuartige Materialien entstehen?

Wir sind Stiftungen unglaublich dankbar für ihre Unter­stützung. Und ich glaube, gerade die Finan­zierung des Empa-Projekts Carbo­Quant durch die WSS ist ein hervor­ragendes Beispiel für eine unglaublich viel­versprechende Förderung mit exzellenten Forschen­den. Aber ein solches Projekt braucht einen sehr, sehr langen Atem. Dass wir es dank der WSS über zehn Jahre weiter­verfolgen können, mit hoch­karätigen Instru­menten, ist unglaublich wertvoll.
 

Wenn die Empa morgen ein unkonven­tionelles, riskantes Forschungs­projekt ohne Rücksicht auf Förder­logik oder Politik starten dürfte – welches Thema würden Sie sofort wählen?

Das wäre etwas Visionäres, wie ich es zu Beginn des Gesprächs skizziert habe: der Versuch, mit «Mining the Atmosphere» Kohlenstoff aus der Luft zu holen, um den CO2-Anteil in der Atmos­phäre wieder auf das vor­indust­rielle Niveau zu senken und den Kohlen­stoff gleich­zeitig sinnvoll zu verwenden. Dazu braucht es eine sehr breite Zusammen­arbeit – und, ganz wichtig: Wir müssen zuerst noch so weit kommen, dass wir genügend nach­haltige Energie erzeugen. Das alleine ist eine grosse Aufgabe und ein Vor­haben von riesen­grosser Relevanz.

Tanja Zimmermann

Tanja Zimmermann ist Professorin für Material­wissenschaft und -technik an der ETH Zürich und an der EPFL in Lausanne und seit 2022 Direktorin des Material­forschungs­instituts Empa. Die 58-Jährige studierte Holz­wissen­schaften und -techno­logie und promovierte zu den Grund­lagen technischer Anwendungen von Zellulose. Sie baute an der Empa das Forschungs­gebiet Zellulose-Nano­komposite auf und etablierte es in der Schweiz. Von 2011 bis 2017 leitete sie an der Empa die Forschungs­abteilung Angewandte Holz­forschung. Ab 2017 war sie Direktions­mitglied und Leiterin des Departe­ments Functional Materials, das sich mit ganz unter­schiedlichen Materialien befasste, von Holz- und Zellulose-basierten Werk­stoffen über Beton und Asphalt, Hoch­leistungs­keramik und Poly­mer­fasern bis hin zu Materialien und Kompo­nenten für Energie­anwendungen.