
Wo ist das magische Molekül?
Viele Wege führen zum Ziel, das gilt auch in der Chemie. Das Team von Benjamin List am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr untersucht deshalb unterschiedliche Ansätze, um seine Idee einer photokatalytischen CO2-Spaltung zu verwirklichen.
Wie packt man eine revolutionäre Idee an, die bislang offenbar niemand untersucht hat? Vor dieser Frage steht Benjamin List vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Sein Anfang 2025 lanciertes Projekt hat zum Ziel, Kohlenstoffdioxid (CO2) mit einer photokatalytischen Spaltung in reinen Kohlenstoff (C) und in Sauerstoff (O2) umzuwandeln. Gelänge eine solche Reaktion, liesse sich damit der menschgemachte CO2-Überschuss in der Atmosphäre rückgängig machen.
Bei einem solch neuartigen, riskanten Projekt kann es sich lohnen, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Benjamin List stellt deshalb ein Forschungsteam zusammen, das in drei Hauptstossrichtungen ermittelt. Die ersten beiden sind klassische chemische Ansätze: die homogene und die heterogene Katalyse. Der dritte untersucht, ob biologische Organismen oder Enzyme die Spaltung übernehmen könnten.
Bei der homogenen Katalyse setzt das Forschungsteam auf Reaktionen, die durch kleine, organische Moleküle ermöglicht werden. Katalysatoren also, wie sie Benjamin List für seine Forschung zur Organokatalyse benutzt hat, die letztlich zum Nobelpreis führte. Einen wichtigen Teil dieser Arbeit führt er deshalb gleich selbst durch, wie er erzählt: «Frühmorgens, wenn ich Ruhe habe in meinem Büro, designe ich mögliche Katalysezyklen für diese Reaktion.»
Hilfreiche Metalle?
Die Ideen reisen dann um die halbe Welt, nach Japan. Dort, an der Universität von Hokkaido, arbeitet ein kleines Team um Professor Satoshi Maeda schon seit Jahren mit Benjamin List zusammen. «Es sind begnadete Theoretiker. Sie berechnen für jeden Katalysezyklus, ob er funktionieren kann.» Ein Vorteil dafür ist, dass es sich bei CO2 um ein kleines Molekül handelt. Bei grossen Molekülen und Katalysatoren kommt man mit solchen rechengestützten Methoden nicht weit.
Die Idee des zweiten Ansatzes, der heterogenen Katalyse, ist die Entwicklung metallhaltiger Katalysatoren. «Wir haben eine Publikation gefunden, laut der sich mithilfe von Germaniumoxid der Sauerstoff des CO2 entfernen lässt», sagt List. «Momentan versuchen wir, die Methode zu reproduzieren.» Zudem untersuchen zwei neu eingestellte Mitarbeiter weitere Metalloxide, die sich eignen könnten.
Für manche Prozessschritte, die beim heterogenen Ansatz wichtig sind, existieren bereits verwandte Verfahren. Der Chemiekonzern BASF etwa arbeite an einer Aufspaltung von Methan in Wasserstoff und festen Kohlenstoff, erzählt List. Methangas wird durch flüssiges, heisses Zinn geleitet. Der Wasserstoff entweicht gasförmig und die Kohle lagert sich auf dem Zinn ab. Damit die Kohleschicht den Katalysator nicht deaktiviert, muss sie mit einer Art Scheibenwischer von Zeit zu Zeit entfernt werden. «Ähnlich würde es bei uns funktionieren», sagt List.
Kohle-Biologie
Beim dritten Ansatz hingegen können sich die Forschenden auf keinerlei Vorarbeiten stützen. Es handelt sich um eine neue Biologie, die Entwicklung biologischer Katalysatoren – am besten lebende Zellen, die CO2 aus der Luft aufnehmen und elementaren Kohlenstoff ausscheiden. Das sei weniger utopisch, als es vielleicht klinge, sagt List. Pflanzen erzeugen mit der Photosynthese seit Jahrmillionen Kohlenhydrate aus CO2. «Eigentlich fehlt für unsere Reaktion nur der letzte Schritt: Sie müssten das Wasser vom Kohlenhydrat abspalten.»
Dieser Mechanismus scheint in der Natur nicht zu existieren. «Wir haben eine einzige Publikation gefunden, in der ein Team beschrieb, einzellige Lebewesen, sogenannte Archaeen, könnten elementaren Kohlenstoff erzeugen», erzählt List. «Aber ob das wirklich stimmt, muss erst noch gezeigt werden.»
Suche in Kohlegruben?
Entmutigen lassen sich die Forschenden nicht. Sie werden Enzyme suchen und auf ihre Eignung als biologische Katalysatoren testen. Und List möchte untersuchen, ob es vielleicht doch irgendwo biologische Kohlequellen gibt. «Es wäre zum Beispiel interessant, Bakterien aus Kohlegruben zu kultivieren und zu testen.» Denn auch bei der natürlichen Kohlebildung findet eine Abspaltung von Wasser aus Pflanzenmaterial statt. «Wie genau, weiss man nicht.»
Weil die Etablierung aller drei Ansätze Zeit brauchen wird, hat Benjamin List den Projektfokus etwas erweitert: Aus Zellulose und Lignin, den Hauptbestandteilen von Holz, lassen sich nämlich laut ihm relativ einfach sogenannte Furane herstellen. Bloss mangelt es bisher an praktikablen Methoden, um diese Stoffgruppe in chemisch wertvolle Verbindungen zu verwandeln. Einer seiner Doktoranden arbeite mit Begeisterung an solchen Reaktionen und habe grosse Fortschritte gemacht, erzählt List. «Das möchten wir weiterverfolgen.» Es wären nicht Traumreaktionen, wie die Spaltung von CO2. Aber sie könnten einen bedeutenden Beitrag leisten zur Umstellung auf eine biobasierte chemische Industrie.





