«WSS-Geförderte ragen heraus»

Die Werner Siemens-Stiftung unter­stützt die Schweizerische Studien­stiftung für weitere zehn Jahre. Die Finan­zierung sei nicht nur für exzellente Studierende wichtig, sondern auch für den Forschungs­platz Schweiz insgesamt, sagen Astrid Epiney und Klara Sekanina, die Stiftungs­rats­präsidentin und die Direktorin der Studien­stiftung.

Astrid Epiney, Sie waren neun Jahre Rektorin der Universität Freiburg und sind seit vier Jahren Präsidentin des Stiftungsrats der Schweizerischen Studienstiftung. Wurden Sie selber als Studentin durch eine Studien­stiftung gefördert?

Astrid Epiney: Ich war in Deutschland Stipendiatin der Konrad-­Adenauer-­Stiftung. Das war eine tolle Zeit, ich habe enorm vom Bildungs­programm der Stiftung profitiert. Ich erinnere mich an eine Reise nach Israel Ende der 1980er-Jahre, während der Ersten Intifada. Unsere Gesprächs­partner waren Palästinenser und Israeli, etwa der damalige Bürger­meister von Jerusalem. So etwas zu erleben, war eindrücklich, davon zehre ich noch heute.

Sind solche Erfahrungen der Grund, dass Ihnen die Nachwuchs- und Talentförderung am Herzen liegt?

Epiney: Das spielt sicher mit. Aber es hängt auch mit meinem «Stecken­pferd» zusammen, dem Rechtsstaat. Ich finde es wichtig, bei jungen Menschen das Verständnis zu wecken für unseren demokratischen Rechts­staat, in welchem Institutionen, Gewalten­teilung und Grundrechte beachtet werden und rechts­staatliche Verfahren zentral sind, Grundvoraus­setzungen dafür, dass sich Individuen entfalten können. Junge Studierende und Forschende sollten sich darum nicht nur mit den Fort­schritten in ihrem Fach befassen. Die Schweizerische Studien­stiftung trägt zu dieser Horizonterweiterung bei.

Klara Sekanina, Sie sind seit sechs Jahren Direktorin der Schweizerischen Studien­stiftung. Was macht eine typische Geförderte, einen typischen Geförderten aus?

Klara Sekanina: Zuerst einmal wählen wir Studierende nicht einfach aufgrund ihres Talents und hoher Notendurch­schnitte aus. Uns ist es auch sehr wichtig, dass sie sozial engagiert sind und eine gewisse Verant­wortung übernehmen für die Entwicklung der Wissen­schaften und des Allgemein­wohls.

 

Die Studierenden sollen also bereits Interesse mitbringen an Fragen, die über ihr Fachgebiet hinausgehen.

Sekanina: Genau. Was wir ihnen anbieten, ist ein breites Netzwerk von Gleichgesinnten. Menschen, die sich austauschen, debattieren und Neues erfahren wollen. Das ist das Spezielle unseres Förder­ansatzes: Bei uns sind nicht nur Themen inter­disziplinär; es kommen Studierende aus der ganzen Schweiz und aus allen Disziplinen zusammen. So entsteht ein dynamischer Austausch, den die Geförderten sehr schätzen.

 

Wie läuft der Austausch ab?

Sekanina: Wir fördern über 930 Studierende von allen Schweizer Hochschulen. Ihnen bieten wir verschiedene Programme an, für die sie sich bewerben können. Wir stellen die Gruppen so zusammen, dass auch die gemeinsame Dynamik stimmt. Und wir bieten viele Veran­staltungen, die länger dauern als einen Tag. So können sich die Studierenden intensiver kennenlernen und austauschen.

 

Und das funktioniert?

Sekanina: Ja! Ich erinnere mich an eine Studienwoche, an der sich ein angehender Ökonom und ein Philosoph getroffen haben. Die beiden hatten komplett unter­schiedliche Ansichten. Aber sie haben es geliebt, miteinander zu diskutieren und zu debattieren. So entstand eine Freundschaft.

 

Was bringt die Förderung den Studierenden sonst noch?

Sekanina: Wir vermitteln ihnen das Rüstzeug, um sich in Forschung, Gesellschaft und Wirtschaft weiterzuentwickeln. Sie bekommen Querschnitts-Kompetenzen mit, sei es Verhandlungs­führung, Selbst­management oder Handlungs­planung. Ihr Potenzial ermöglicht es diesen jungen Menschen, ganz unter­schiedliche Wege einzuschlagen.

 

Was sind typische Werdegänge von ehemaligen Geförderten?

Sekanina: Dazu haben wir eine Umfrage gemacht. Ungefähr ein Viertel verfolgt eine wissenschaftliche Karriere. Die anderen gehen in die Wirtschaft, zu Institutionen der öffentlichen Hand oder sie machen sich selbständig. Viele bekleiden Führungs­positionen und übernehmen Verantwortung.

Frau Epiney, merken Sie als Professorin an der Universität Freiburg, welche Ihrer Studierenden Studien­stiftlerinnen oder Studienstiftler sind?

Epiney: Nein. Von den meisten weiss ich es schlicht nicht. Aber klar, die Unterschiede zwischen den Studierenden sind beachtlich: Es gibt welche, die sich «durchmogeln» und zu Minimalismus neigen, und andere, die vielseitig interessiert sind und in verschiedener Beziehung gerne über den Teller­rand schauen, mitunter gibt es auch eigentliche Überfliegerinnen und Überflieger.

 

 

 

«Ohne naturwissenschaftliches Grundverständnis funktioniert die Gesellschaft nicht mehr.»

 

Klara Sekanina

 

 

 

Existieren auch Angebote der Hochschulen, um begabte Studierende zu unterstützen?

Epiney: Viele Fakultäten haben Masterclasses oder Angebote, die besonderes Engagement erfordern. Sie sind sehr komplementär zur Studien­stiftung. In den Rechts­fakultäten gibt es zum Beispiel sogenannte Moot Courts. Das sind simulierte Gerichts­verhandlungen, bei denen die Studierenden in die Rolle insbesondere von Anwälten schlüpfen und Fälle vor einem fiktiven Gericht verhandeln. Kürzlich haben drei Studierende aus Freiburg bei einem solchen Wettbewerb auf internationaler Ebene, dem European Law Moot Court, gewonnen. Es ist beeindruckend, was solche jungen Leute leisten.

 

Die Werner Siemens-Stiftung hat beschlossen, die Arbeit der Studien­stiftung für weitere zehn Jahre zu unterstützen. Was bedeutet das für Sie?

Sekanina: Wir sind enorm dankbar. Und wir sind überzeugt, dass es gut investiertes Geld ist. Das Werner-Siemens-Programm richtet sich an Studierende des MINT-Bereichs, also Mathematik, Informatik, Naturwissen­schaften und Technik sowie Medizin, Pharma­zeutik und Life Sciences. Es hilft uns, Geförderten die MINT-Fächer disziplin­übergreifend näherzu­bringen. Ohne naturwissen­schaftliches Grundver­ständnis funktioniert unsere Gesell­schaft heute nicht mehr.

 

Was ist das Besondere am Werner-Siemens-Programm?

Sekanina: Wir verleihen jährlich zehn Werner-Siemens-Fellowships. Das sind Exzellenz-Stipendien. Die Geförderten ragen innerhalb der Studien­stiftung noch einmal heraus. Sie bringen Noten­durch­schnitte von weit über 5,5 mit. Einige absolvieren zwei Master­studien­gänge parallel – etwa Human­medizin und Biomedical Engineering. Es sind hoch engagierte, breit interessierte junge Menschen. Eine geförderte Medizin­studentin war von 2023 bis 2025 als erste Nicht-Ökonomin und Nicht-Juristin Teil der dreiköpfigen Schweizer Jugend­delegation bei der UNO.

 

Das WSS-Programm umfasst auch Bildungs­veranstaltungen und Sommerakademien.

Sekanina: Die jährlich drei WSS-Sommer­akademien sind intensive Arbeits­wochen. Sie erlauben den Teilnehmenden eine Vertiefung fächer­über­greifender Themen, etwa die Verbindung zwischen Neuro­wissen­schaften und Musik. Die kürzeren Veranstaltungen werden vielfach von Geförderten selbst organisiert.

 

Gibt es Themen oder Formate, die bei den Studierenden besonders beliebt sind?

Sekanina: Die Sommer­akademien sind unglaublich geschätzt. Und Anlässe, die Wissens­vermittlung mit Erfahrungen kombinieren. Wir haben zum Beispiel ein Wochenend-Seminar namens «Wenn die Berge rufen …». Die Studierenden setzen sich dort mit dem Klima­wandel in den Bergen auseinander. Sie tun dies nicht nur im Klassenzimmer, sondern erwandern sich das Thema auch.

 

Planen Sie Veränderungen im Werner-Siemens-­Programm?

Sekanina: Wir möchten den Austausch weiter fördern. Aktuelle und ehemalige WSS-Fellows treffen sich in regelmässigen Abständen. Das basiert auf Freiwilligkeit, aber alle kommen, wann immer sie können. Sie schätzen es unglaublich, einander kennenzu­lernen oder den Kontakt aufrecht­zu­erhalten. Wir möchten diesem Dialog noch mehr Zeit einräumen – etwa durch gemeinsame Labor­besuche bei ebenfalls von der WSS geförderten Forschungs­projekten.

 

 

 

«Die Studien­stiftung trägt zur Horizont­erweiterung bei.»

 

Astrid Epiney

 

 

 

Die Studien­stiftung unterstützt einzelne Studentinnen und Studenten. Im grösseren Kontext ist es aber auch eine Förderung des Forschungs­platzes Schweiz. Eine erfolgreiche?

Sekanina: Davon bin ich überzeugt – aus lang­jähriger Erfahrung in Bildungs-, Forschungs- und Innovations­politik. Ich arbeitete bei einer Standort­förderagentur, in einem Start-up und bei der damaligen Kommission für Technologie und Innovation des Bundes. Was den Erfolg ausmachte, waren letztlich überall einzelne Menschen. Darum bin ich sicher: Wenn wir einzelne Talente unterstützen, stärken wir auch die Innovations­kraft des Landes.

Epiney: Wobei jeder Einzelne ein Team braucht, um erfolgreich zu sein. Deshalb sind diese Quer­schnitts-Kompetenzen so wichtig, welche die Studien­stiftung vermittelt. Die Geförderten sollen verstehen, dass sie alleine nicht die Welt verändern können. Sie müssen auch lernen, ein Team zu führen, zu motivieren und mitzu­nehmen.

Erhält die Talent­förderung in der Bildungs­politik jene Aufmerk­samkeit und Unter­stützung, die sie verdient hat?

Epiney: Da gibt es verschiedene Aspekte. Der erste ist der finanzielle: Die Studien­stiftung erhält einen namhaften Betrag vom Bund. Trotzdem sind wir sehr auf private Förder­mittel angewiesen, deren Akquisition nicht immer einfach ist. Der zweite Aspekt ist die öffentliche Wahr­nehmung. Zwar konnten wir diese in den letzten Jahren durch verschiedene Initiativen deutlich steigern, aber dieser Aspekt verlangt ständige Aufmerk­samkeit unsererseits. Und schliesslich geht es auch allgemein darum, ein breites Verständnis für die Sinnhaftig­keit einer Eliten­förderung zu schaffen.

Das ist keine einfache Diskussion.

Epiney: Die zentrale Heraus­forderung besteht darin, die Bedeutung der Universi­täten für die gesamte Gesellschaft zu verdeutlichen: Sie sind nicht nur für die Studierenden wichtig, sondern spielen auch eine bedeutsame Rolle für die Innovations­fähigkeit und erfüllen kulturelle Aufgaben im weiteren Sinn. Kommt hinzu: Die meisten Studierenden kommen nach wie vor aus Akademiker­haushalten. Zu vermitteln, dass Teile dieser privile­gierten Gruppe mit Blick auf die bedeutende Rolle von «Eliten» für die gesamte Gesell­schaft noch mehr gefördert werden sollen, ist nicht immer einfach.

Gibt es bildungs­politische Entwicklungen, die das Studium oder die Arbeit der Studienstiftung verändern?

Epiney: Ich will nicht allzu politisch werden. Aber die internationale Einbindung und stabile Beziehungen zur EU sind zentral – nicht nur für die Studien­stiftung, sondern für den Forschungs-, Innovations- und Ausbildungs­platz Schweiz insgesamt. Es geht um mehr als die Teilnahme an Forschungs- oder Austausch­programmen. Wir sollten uns als Teil eines Verbundes sehen. An meiner Universität kommen in der Regel rund 50 Prozent der Doktorierenden aus dem Ausland, an den beiden ETH ist der Anteil noch grösser. Unsere Hochschulen sind gerade deswegen so gut und so attraktiv. Davon profitieren die Studierenden, die Studienstiftung – und letztlich wir alle.

Astrid Epiney

Astrid Epiney ist Professorin für Europa­recht, Völker­recht und Öffent­liches Recht an der Universität Freiburg (Schweiz) und war von 2015 bis 2024 deren Rektorin. Für ihre Forschung wurde sie unter anderem mit dem Nationalen Latsis-Preis des Schweize­rischen National­fonds und mit dem deutschen Bundes­verdienst­kreuz 1. Klasse ausge­zeichnet. Seit 2021 ist sie Präsidentin des Stiftungs­rats der Schweizerischen Studien­stiftung.

Klara Sekanina

Klara Sekanina ist seit 2019 Direktorin der Schweize­rischen Studien­stiftung. Sie ist promo­vierte Chemikerin und war Direktorin der Förder­agentur für Innovation, der Kommis­sion für Techno­logie und Inno­vation (seit 2018 Innosuisse). Ihre Karriere umfasst zahl­reiche Tätig­keiten im Bildungs­bereich und in der Innovations­förderung, darunter führende Positionen in der Ver­waltung und in Start-ups.