Nobelpreisträger
verstärkt die WSS

Benjamin List nimmt neu Einsitz im Wissenschaftlichen Beirat der WSS. Der 57-jährige Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr erhielt im Jahr 2021 den Nobelpreis für Chemie. List ersetzt Matthias Kleiner, der 13 Jahre lang Mitglied des Gremiums war.

Exzellente Forschungsprojekte finden, beurteilen und allenfalls durch Ratschläge zu verbessern: Das ist die Aufgabe des Wissenschaftlichen Beirates der Werner Siemens-Stiftung (WSS). Dazu braucht es hervorragende Kenner des Wissenschaftsbetriebs, die selbst exzellente Wissenschaftler sind. So gesehen, ist es für die WSS ein Glücksfall, dass sie Professor Benjamin List als neues Mitglied für ihren Wissenschaftlichen Beirat gewinnen konnte. List tritt die Nachfolge von Professor Matthias Kleiner an, der sein Amt auf Ende 2025 altershalber abgegeben hat, wie es die Statuten der WSS vorschreiben.

Als Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 2021 und Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr ist Benjamin List ein Ausnahme-Forscher und bestens vernetzt. Zudem weiss er aus eigener Erfahrung, was es für ein erfolgreiches Gesuch bei der WSS braucht: Anfang 2025 startete sein Projekt zu einer photokatalytischen Spaltung von CO2 in Kohlenstoff und Sauerstoff. Eine «etwas verrückte Idee», wie er selbst zu sagen pflegt. Aber eine, welche im Erfolgsfall die Welt verändern könnte, weil sich damit riesige Mengen CO2 aus der Atmosphäre entfernen liessen.

Er freue sich darauf, sich künftig im Auftrag der Werner Siemens-Stiftung auf die Suche nach solch bahnbrechenden Projektideen zu machen, sagt Benjamin List. «Es sollen eine Art Rohdiamanten sein – revolutionäre Ideen, die eine reelle Erfolgschance haben.» Im Lauf seiner Forscherkarriere sei er zur festen Überzeugung gekommen, dass solche vielleicht etwas verrückt anmutenden Ideen eine notwendige Bedingung sind, um wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen.

Aus einer Forscherfamilie

Benjamin List trägt das Forscher-Gen in sich: Sein Ururgrossvater Jacob Volhard war ein bekannter Chemiker, sein Urgrossvater Franz Volhard machte sich als Nephrologe einen Namen. Und seine Tante Christiane Nüsslein-Volhard erhielt 1995 für ihre Arbeiten zur genetischen Kontrolle der frühen Embryonalentwicklung den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Aufgewachsen in Frankfurt am Main, entschied sich List für ein Chemie-Studium an der Freien Universität Berlin. Nach einer Dissertation zur Synthese des Vitamin-B12-Moleküls zog es ihn in die USA. Am Scripps Research Institute in La Jolla in Kalifornien arbeitete er zuerst an katalytischen Antikörpern und machte dann – kurz nach seiner Berufung zum Assistenzprofessor – jene Entdeckung, die zum Nobelpreis führen sollte: Er wies nach, dass sich ein kleines, organisches Molekül, die Aminosäure Prolin, als Katalysator eignete. Damit begründete er das Feld der organischen Katalyse, welche ohne die traditionell genutzten, teilweise teuren und umweltschädlichen Metallverbindungen auskommt.

Heute sind organische Katalysatoren aus der chemischen Industrie nicht mehr wegzudenken. Besonders wichtig sind sie in der Medikamentenentwicklung. Mit ihnen lassen sich Reaktionen präzise steuern, was unerwünschte Nebenprodukte vermeidet. Insbesondere erlauben organische Katalysatoren Synthesen, bei denen nur ein bestimmtes Enantiomer eines Moleküls erzeugt wird. Solche spiegelbildlichen Molekül-Varianten, vergleichbar mit einer linken und einer rechten Hand, weisen oft unterschiedliche chemische Eigenschaften auf.

Unsicherheit zulassen

Sein Experiment mit der Aminosäure Prolin habe damals ziemlich schnell funktioniert, erzählt Benjamin List. Trotzdem war es ein Schritt in völliges Neuland. Deshalb kenne er das Gefühl der Unsicherheit, wenn ein Forscher etwas Neues, vielleicht Abwegiges wage. Seit er den Nobelpreis erhalten habe, kommuniziere er auch öffentlich, dass er dieses Unsicherheitsgefühl suche und gerne Ideen verfolge, bei denen es sich zuweilen etwas anfühle, als könnten sie verrückt sein. Er ermutige auch gerne andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, bei ihrer Forschung Risiken einzugehen. Nur so seien Pionierleistungen möglich, sagt List. «Die meisten Menschen fühlen sich wohl in der Sicherheit ihrer Gemeinschaft: Sie sitzen gemeinsam am Lagerfeuer und singen «Hotel California». Aber letztlich bringt derjenige die Menschheit mit einer Entdeckung weiter, der sich alleine in den dunklen Wald traut.»

Genau diese Risikofreudigkeit schätze er an der Werner Siemens-Stiftung, sagt List. Bei vielen anderen Förderorganisationen müsse die Forscherin oder der Forscher schon im Antrag sehr klar aufzeigen, dass das Forschungsziel erreicht werde – zum Beispiel durch bereits vorliegende Publikationen. «Bei der WSS ist die Risikobereitschaft deutlich höher. Dies, gepaart mit der grosszügigen Förderung und der schlanken Administration, finde ich toll.»