Das neu unterstützte Projekt WSS-Resources beruht auf der Entwicklung eines Chlorspeichers in Form einer gelblichen Ionischen Flüssigkeit.

Nachhaltige Chemie mit neuer Chlor-Technik

Chlor ist eine wichtige Basischemikalie. Aber der Umgang mit dem gasförmigen Element ist heraus­fordernd und die traditionelle Chlor-Chemie verbraucht enorme Mengen fossiler Energie. Ein Team an der FU Berlin will das in einem neu von der Werner Siemens-Stiftung (WSS) finanzierten Projekt ändern: In Form von reaktiven Ionischen Flüssig­keiten erlaubt Chlor die nachhaltige Erschliessung von Ressourcen aus Elektro­schrott, Biomasse oder Altlasten.

Ohne Chlor liefe in der modernen Welt wenig: Als Desinfektions­mittel schützt dieses chemische Element Trink­wasser vor Bakterien und Viren. Es steckt in Medikamenten, Kunst­stoffen, Batterien und ermöglicht unzählige chemische Prozesse in der indus­triellen Fertigung. Es spielt eine Schlüssel­rolle bei der Herstellung von Computer­chips und Hightech-Materialien. Trotzdem geniesst Chlor einen eher zweifel­haften Ruf: Der «Chlor-Geruch» im Hallen- oder Freibad steht für manche Menschen für eine umweltschädliche Chemie. Und das Chlorhühnchen gilt in Europa als Inbegriff für die Auswüchse einer unnatürlichen Nahrungs­mittel­produktion.

Klar ist, dass die heutige Chlor-Chemie viel Energie verbraucht und die Umwelt belastet, wenn sie fossile Energie­träger verwendet. In Deutschland produziert die chemische Industrie jährlich rund 5,5 Millionen Tonnen Chlorgas (Cl2), meist durch eine Elektrolyse aus Kochsalz (NaCl) und Wasser (H2O). Ungefähr 2,3 Prozent des gesamten Strom­verbrauchs des Landes gehen in diese Produktion. Zudem ist das gasförmige Chlor giftig und muss unter sehr aufwendigen Sicherheits­vorkehrungen gespeichert oder transportiert werden.

Mit einer innovativen Technologie will ein Forschungs­team um Sebastian Hasenstab-Riedel, Professor für Anorganische Chemie an der Freien Universität (FU) Berlin, diese Probleme aus der Welt schaffen – und einer neuen, sicheren und nachhaltigen Chlor-Chemie zum Durchbruch verhelfen. Die Werner Siemens-Stiftung (WSS) unterstützt das Projekt namens «WSS-Resources» in den kommenden zehn Jahren mit insgesamt 18 Millionen Euro.

Sicherer Chlor-Speicher

Dreh- und Angelpunkt des Projekts sind sogenannte Ionische Flüssig­keiten, die Hasenstab-Riedel mit seinem Team in den letzten Jahren entwickelt hat. Dabei handelt es sich um bei Raum­temperatur flüssige Salze, die ohne hohen Dampfdruck enorme Chlor-Mengen aufnehmen können. Ein solcher Speicher bindet chemisch Chlorgas oder Chlor­wasser­stoff in flüssiger Form. Durch leichtes Erwärmen lässt sich der Speicher entladen: Das Chlor entweicht und das Salz kann erneut als Speicher­medium benutzt werden.

Die neuartigen Chlor-Speicher hätten enorme Vorteile, sagt Sebastian Hasenstab-Riedel. «Eine solche Flüssigkeit ist viel weniger gefährlich als Chlorgas – das verein­facht die Lagerung und den Transport.» Chlor lässt sich so unbedenklich in grossen Mengen speichern. Bereits dies könnte die Chlor-Chemie deutlich nach­haltiger machen: Heute nutzt die chemische Industrie permanent verfügbare fossile Energie zur Chlor-Produktion, weil sie Chlorgas aus den genannten Gründen ungern speichert, sondern möglichst rasch nach der Her­stellung verwenden will. Die flüssigen Chlor-Speicher hingegen liessen sich in Zukunft mit erneuer­barem Strom dann füllen, wenn Über­schüsse aus der Solar- oder Wind­energie­produktion vorhanden sind. In Zeiten von Dunkel­flauten würde man auf diesen Vorrat zurück­greifen und das Strom­netz dadurch entlasten.

Möglich ist ein solches Zukunfts­sze­nario nur, wenn solche Speicher ein aus­reichendes Fassungs­ver­mögen auf­weisen. «Ein grosses Chemie-Unter­nehmen bräuchte wahr­scheinlich einen Speicher von ungefähr 2000 Kubik­metern, also etwas weniger als ein olympisches Schwimm­becken», sagt Hasenstab-Riedel. «Darin liesse sich ungefähr der Chlor­bedarf für eine Tages­produktion speichern.» Ein Grundelement von WSS-Resources ist es deshalb, technische Speicher­anlagen zu bauen, auf deren Basis gross­skalige Anlagen entwickelt werden können.

Vorteile für die Chemie

Das Projekt geht aber weit darüber hinaus. Hasenstab-Riedel hat ein Team zusammen­ge­stellt, das die Ionischen Flüssig­keiten nutzen möchte, um ganz unterschiedliche Res­sourcen nachhaltig zu erschliessen und umzu­wandeln. Mit an Bord sind die Professoren Rainer Haag (Organische Chemie, FU Berlin), Timm John (Mineralogie und Petrologie, FU Berlin) und Siegfried Waldvogel (Elektro­synthese, Max-Planck-Institut für Chemische Energie­konversion in Mülheim an der Ruhr). Sie wollen mit WSS-Resources aufzeigen, dass die neuartigen Ionischen Flüssig­keiten als Platt­form für die Trans­formation hin zu einer nach­haltigeren Chemie dienen können.

Die Ionischen Flüssig­keiten verfügen nämlich über eine weitere, entschei­dende Eigen­schaft: Das Chlor darin ist chemisch bereits vor­aktiviert, es geht leichter Reak­tionen ein als Chlor­gas. «Das erlaubt uns einfachere chemische Um­setzungen – bei niedrigeren Tempera­turen, teilweise ohne die Verwen­dung von zusätz­lichen Kataly­satoren», sagt Hasenstab-Riedel. Zudem würde die Arbeit sicherer: Statt mit kniffligen Gas­gemischen zu hantieren, können die Forschenden mit Flüssig­keiten arbeiten und diese für ihre Prozesse nutzen.

Biomasse-Abfälle aufwerten

WSS-Resources wird die Ionischen Flüssig­keiten nutzen, um drei konkrete Themen­felder zu bearbeiten. Dem ersten Forschungs­feld widmen sich  die Forschungs­gruppen von Rainer Haag und Sebastian Hasenstab-Riedel: Ionische Flüssig­keiten sollen dazu beitragen, bio­logische Rest­stoffe in wertvolle chemische Roh­stoffe oder Materialien umzu­wandeln. Ein Beispiel sei Glycerin, sagt Rainer Haag. «Bei der Her­stellung von Bio­diesel fallen weltweit jedes Jahr vier Millionen Tonnen Glycerin als weit­gehend unge­nutztes Neben­produkt an.»

Das Team habe bereits ein Ver­fahren entwickelt, mit dem sich Glycerin mithilfe des Chlor­speichers zu Epichlorhydrin umwandeln lasse. Bei Epichlorhydrin handelt es sich um ein viel­seitiges chemisches Zwischen­produkt, das unter anderem zur Herstellung moderner Kunststoffe genutzt wird. «Heute», sagt Haag, «wird Epichlorhydrin aus fossilen Roh­stoffquellen, also aus Erdöl, produziert.»

Ein Rest­stoff, der noch in viel grösseren Mengen als Glycerin vorliegt, ist Lignin. Bei der Her­stellung von Papier fallen jährlich rund 100 Millionen Tonnen Lignin an, die heute zumeist als Brenn­stoff verwendet werden, weil Lignin schlecht löslich und chemisch schwierig umsetzbar ist. Das WSS-Resources-Team arbeitet daran, diesen Rohstoff mit­hilfe der neuartigen, reaktiven Ionischen Flüssig­keiten direkt aufzu­lösen und in Bausteine zu zerlegen, die zur Synthese von Kunst­stoffen, Agrar- und Pharma­produkten genutzt werden können.

Metalle aus dem Handy lösen

Das zweite Themen­feld des Gross­projektes ist das sogenannte Urban Mining. Beteiligt daran sind die Arbeits­gruppen von Timm John und Sebastian Hasenstab-Riedel. In Elektro­motoren, Wind­turbinen oder Handys stecken grosse Mengen an wert­vollen Metallen, zum Beispiel Selten­erd­metalle. Ein Handy etwa besteht zu ungefähr 45 Prozent aus Metallen. «Wir wollen Methoden ent­wickeln, um diese Roh­stoffe einfach aus den Produkten heraus­zulösen und zu rezyklieren», sagt Timm John.

Heute werden Handys für das Recycling geschred­dert und danach oft zu einer soge­nannten «Schwarz­masse» verbrannt, die nur noch Metalle und Kohlen­stoff enthält. «Wir glauben, dass wir mit­hilfe unserer Techno­logie die Metalle auch schonender heraus­lösen können – so dass Schreddern reichen würde», sagt Hasenstab-Riedel. Tat­sächlich zeigen erste Resultate, dass sich mit der Ionischen Flüssig­keit Hightech-Metall­verbindungen schon bei niedrigen Temperaturen auflösen lassen. «Die grosse Heraus­forderung wird es sein, die gelösten Metalle voneinander zu separieren und einzeln zurückzu­gewinnen.»

Aus Altlasten werden Rohstoffe

In einem dritten Arbeits­paket geht ein Team um Siegfried Waldvogel die chemische Aufbe­reitung von chlor­haltigen Alt­lasten an – beispiels­weise von Ab­fällen der Pestizid­produktion, die noch aus den 1950er- bis 1990er-Jahren stammen. Bei der Her­stellung des heute in Europa nicht mehr zuge­lassenen Insekti­zids Lindan etwa fielen auch sogenannte Isomere an: Diese Verbin­dungen ent­halten genau gleich viele Kohlen­stoff-, Wasser­stoff- und Chlor­atome wie Lindan, sie unter­scheiden sich aber in der atomaren Struktur.

«Im Gegensatz zu Lindan verströmen diese Iso­mere einen unan­genehmen Geruch, sodass man sie nicht auf Felder aus­bringen konnte. Man lagerte sie deshalb auf Halden», erzählt Siegfried Waldvogel. Bis zu sieben Millionen Tonnen dieser hoch­giftigen Lindan-Isomere liegen bis heute europaweit in Deponien – und sind lang­fristig eine Gefahr für die Umwelt. Weil sie zumeist in sehr hoher Reinheit vor­liegen, könnten sie als ressourcen­schonende Rohstoff­quellen dienen.

In WSS-Resources arbeiten die Forschen­den deshalb an elektro­chemischen Verfahren, um die Chlor-Atome aus den Lindan-Isomeren abzu­lösen und in der Ionischen Flüssig­keit zu speichern. So liesse sich das Chlor für die Her­stellung neuer chemischer Produkte ver­wenden. Das übrig bleibende organische Molekül, das sogenannte Benzol, ist ein eben­falls unver­zicht­barer und dringend benötigter chemischer Grund­stoff, der unter anderem für die Kunst­stoff-, Wasch­mittel- und Medi­kamenten­her­stellung gebraucht wird. «Wir wollen also Alt­lasten sanieren und gleich­zeitig zwei wichtige Basis­chemi­kalien erzeugen», sagt Hasenstab-Riedel.

Neben Pestiziden existieren diverse weitere chlor­haltige Abfall­stoffe. Etwa Poly­chlorierte Biphenyle (PCB), die bis in die 1980er-Jahre als Hydraulik­flüssigkeiten oder als Weich­macher in Bau­materialien eingesetzt wurden. Oder soge­nannte Polyvinyl­chloride (PVC), die zu den häufigsten Kunst­stoffen überhaupt zählen und vor allem in der Bau­branche sehr wichtig sind. Weil sie chemisch sehr stabil sind, werden viele PVC-Abfälle noch immer deponiert statt rezy­kliert. «Mit solchen anspruchs­vollen Umwandlungen werden wir uns im Verlauf des Projekts ebenfalls befassen», sagt Siegfried Waldvogel.

Ideen noch und nöcher

Und das ist noch nicht alles: «Unsere Techno­logie entwickelt sich – wir lernen erst gerade, was mit den Ionischen Flüssig­keiten alles möglich ist», sagt der Hasenstab-Riedel. Eine vielver­sprechende Idee sei eine neu­artige Anwen­dung in der Medi­zin, zu der das Team gerade eine Publi­kation vorbe­reite. Ein anderer Impuls stammt vom deutschen Umwelt­bundesamt. Es kam auf die Forschen­den zu mit der Frage, ob sich die neu­artige Techno­logie eignen könnte, um Wasser sicher aufzu­bereiten. «In Schwimm­bädern arbeitet man heute oft mit Chlor­gas­flaschen, dabei kommt es immer wieder zu Problemen und Un­fällen», sagt der Forscher.

Nicht zuletzt dient das WSS-Projekt als eine Art Kristalli­sations­keim. Laut Hasenstab-Riedel plant die FU Berlin, den nach­haltigen Umgang mit Re­ssourcen zum regionalen For­schungs­schwer­punkt zu entwickeln. Ein ent­sprechendes Institut, das «Center for Sustainable Resources, CSR|Berlin», ist bereits gegründet. Unter den Fittichen von WSS-Resources könnte also ein breit abge­stütztes Unter­fangen ent­stehen, um neue Lösungen für drängende Heraus­forderungen wie die Energie­wende, den Klima­wandel oder die Versorgungs­sicherheit mit Roh­stoffen zu finden.

Zahlen und Fakten

Mittel der Werner Siemens-Stiftung

18 Mio. Euro

Projektdauer

2026 – 2035

Projektleitung

Prof. Dr. Sebastian Hasenstab-Riedel,  Institut für Chemie und Biochemie, Freie Universität Berlin