
Bis ans Limit
Mit seinem Atomschalter hat das Kompetenzzentrum für Einzelatom-Elektronik und -Photonik in den letzten acht Jahren Massstäbe gesetzt beim Energieverbrauch in der Elektronik. Nun nimmt das Team an der ETH Zürich und am KIT Karlsruhe in einem gemeinsamen Ergänzungsprojekt gar das unterste physikalisch mögliche Limit der Schaltenergie ins Visier.
Internet, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren: Die Informationstechnologie verändert unsere Welt. Ein Bauteil steht im Mittelpunkt dieser Entwicklungen: der Transistor. Dieser zentrale Bestandteil logischer Schaltungen ermöglicht es, den elektrischen Strom zwischen zwei Elektroden durch eine unabhängige dritte Elektrode zu steuern.
Die Häufigkeit, mit der dieses Bauelement genutzt wird, lässt sich kaum ermessen: Für Anwendungen der künstlichen Intelligenz (KI) existieren inzwischen Mikroprozessoren mit mehreren Billionen Transistoren. Zwar sind die heutigen, aus Halbleiter-Materialien wie Silizium bestehenden Transistoren im Lauf der letzten Jahrzehnte winzig klein geworden. Doch wegen des exponentiell wachsenden Bedarfs nimmt der weltweite Energiebedarf für die Datenverarbeitung stark zu.
Ein (vorläufiger) Weltrekord
«Wir benötigen deshalb dringend Transistoren, die noch viel weniger Energie verbrauchen», sagt Thomas Schimmel, Professor für Physik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). In den letzten acht Jahren hat er mit seinem Team im Kompetenzzentrum für Einzelatom-Elektronik und -Photonik in einem von der Werner Siemens-Stiftung (WSS) unterstützten Projekt ein vielversprechendes Konzept entwickelt: den atomaren Transistor, zum Beispiel in Form eines Einzelatomschalters, bei dem ein einzelnes oder wenige Atome für den Schaltprozess genutzt werden.
Statt 600 bis 700 Millivolt Spannung wie bei Halbleiter-Transistoren benötigt ein solcher atomarer Schalter nur wenige Millivolt, um eine Schaltung in Gang zu setzen. Im Rahmen des Projektes hat das Team mit einer Schaltspannung von 3 Millivolt, also 200 Mal niedriger als mit herkömmlicher Technik, gar einen Weltrekord aufgestellt. «Weil der Energieverbrauch mit dem Quadrat der Schaltspannung zunimmt, entspricht dies einem enor-men Energiesparpotenzial», sagt Thomas Schimmel.
Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange: Professor Jürg Leuthold von der ETH Zürich als Direktor und die Co-Direktoren des Zentrums, Professor Mathieu Luisier von der ETH Zürich und Professor Thomas Schimmel, sind überzeugt, dass das Energiesparpotenzial noch grösser ist – viel grösser. In einem Ergänzungsprojekt, das die WSS in den kommenden vier Jahren mit 4,2 Mio. Schweizer Franken unterstützt, wollen sie das physikalische Limit erreichen, unterhalb dessen keine Informationsverarbeitung mehr möglich ist.
Dieses Limit wurde im Jahr 1961 vom deutsch-amerikanischen Physiker Rolf Landauer formuliert und wird deswegen Landauer-Limit genannt. Es beschreibt die minimal benötigte Energiemenge, um 1 Bit Information in einen definierten Zustand zu bringen (0 oder 1). «Die Schaltenergien unseres atomaren Transistors liegen derzeit noch erheblich über dem Landauer-Limit», sagt Thomas Schimmel. «Wir sind schon sehr weit gekommen, aber wir sind noch nicht dort, wo wir sein könnten.»
Der Optimismus der Forscher gründet auf kürzlichen Entdeckungen. In noch nicht publizierten Experimenten haben sie die Schaltspannung ihrer atomaren Transistoren noch einmal drastisch reduziert. Möglich gemacht haben dies unter anderem Veränderungen der Geometrie und neue Herstellungsverfahren für die Nano-Elektroden.
Riesiges Energiesparpotenzial
Noch erlaubten diese tieferen Spannungen keinen zuverlässigen Langzeitbetrieb eines Bauelements, räumen Thomas Schimmel und Jürg Leuthold ein. «Doch die Ergebnisse sind ein klarer Hinweis darauf, dass der Weltrekord von 3 Millivolt keineswegs die physikalische Grenze für unser Bauelement darstellt.» Sie gehen davon aus, dass noch einmal eine Reduktion der Schaltspannung um einen Faktor Hundert möglich sein wird. Das würde nicht nur den Energieverbrauch des Transistors dramatisch reduzieren, sondern auch jenen der Zuleitungen zum Bauteil. «Wir sprechen von einer Reduktion der Zuleitungsverluste um einen Faktor von 100 Millionen und mehr», sagen die beiden Wissenschaftler.
Neben der Schaltspannung nehmen die Forschenden im Ergänzungsprojekt auch die Kapazität des Bauteils ins Visier. Die Kapazität beeinflusst die Geschwindigkeit, mit der ein Transistor ein- und ausgeschaltet werden kann. Heute sind die Schaltgeschwindigkeiten des atomaren Schalters noch nicht ausreichend hoch. Durch die Miniaturisierung der Elektrodenflächen und Zuleitungen mithilfe neuartiger Nanostrukturierungstechniken, so Leuthold, seien auch hier grosse Fortschritte möglich.
Die Expedition zu den Grenzen der Elektrotechnik hat also begonnen. Und Thomas Schimmel und Jürg Leuthold sind optimistisch. «Unser Ziel ist es, eine neue Technologie für eine nachhaltige Datenverarbeitung bereitzustellen – und wir haben die Voraussetzungen dafür.»











