
Die Alpen als Wärmespeicher
Im BedrettoLab ist ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt zur saisonalen Wärmespeicherung in Granit gestartet. Ein neu gebauter Seitentunnel in der Nähe zu einer Verwerfungszone im Gotthardmassiv erlaubt es ausserdem zu ergründen, wie Erdbeben ablaufen. Auch Forschungsgruppen aus Geobiologie und Teilchenphysik nutzen das Untergrundlabor.
Im Sommer 2025 hatte das BedrettoLab hohen Besuch. Kaderleute des Bundesamts für Energie schauten vorbei, um sich über die Fortschritte des Forschungsprojekts «Bedretto Energy Storage and Circulation of Geothermal Energy» (BEACH) von ETH-Professor Martin Saar zu informieren. Beim Projekt BEACH geht es um die Speicherung von Energie im Untergrund. Die Idee: Einen Energiespeicher im kristallinen Gestein (Granit) für den Ausgleich der saisonalen Schwankungen des Energiebedarfs zu nutzen. Alle nötigen Daten dazu wurden in den letzten fünf Jahren im BedrettoLab gewonnen. «Wärme macht einen grossen Teil der Schweizer Energiebilanz aus», gibt der Direktor des BedrettoLab, Domenico Giardini, zu bedenken. «Die Wärmespeicherung im kristallinen Gestein könnte dazu beitragen, dass die Energiewende in der Schweiz gelingt.»
Das Interesse am weltweit einmaligen Pilotversuch BEACH ist gross. Neben dem Bund und kantonalen und ausländischen Elektrizitätsproduzenten interessiert sich auch die Azienda Elettrica Ticinese (AET) mit einem konkreten Vorhaben dafür: einem Pilotprojekt für ein robustes autarkes Insel-Energiesystem für das Bedretto-Tal, das den Energie-Output der regionalen Flusskraft, der Windkraft, der Photovoltaik und der Wärmespeicherung im Granit zusammenbringt. Der resultierende Mix aus Strom und Wärme soll vor Ort genutzt werden. «Dezentrale kombinierte Energiesysteme sind die Zukunft», ist Giardini überzeugt.
Enormes geothermisches Reservoir
Mittlerweile verfügt das BedrettoLab über ein vollständig kontrolliertes geothermisches Reservoir von mehr als 200 000 Kubikmetern: das riesige Felsvolumen aus Granit unter dem Bedretto-Tunnel. Es ist voller feiner Risse, in denen Wasser zirkuliert, und wurde durch Wasserinjektionen in ein durchlässiges Reservoir verwandelt. Die Forschenden injizieren kontrolliert just so viel zusätzliches Wasser, dass nur kleine Beben entstehen und dass die Wassermenge sich gut im Berginnern erwärmen kann. «Wir brechen den Felsen nicht auf», betont Giardini. Das injizierte Wasser sucht sich seinen Weg durch die vorhandenen Risse, kontrolliert von 2000 Sensoren, die sämtliche Reaktionen des Felsvolumens messen. Will man die Energie des erwärmten Wassers nutzen, lassen die Forschenden es durch ein zweites Bohrloch wieder an die Tunneloberfläche hochsteigen.
Das geothermische Reservoir wird nun während vier Jahren in einem saisonalen Zyklus betrieben: Im Sommer wird warmes Wasser eingebracht und im Fels gespeichert. Im energiearmen Winter wird die Wärmeenergie bezogen. «Im Modell funktioniert es», sagt Giardini, «nun testen wir unter realen Bedingungen, wie viel Wärme wir im Winter aus dem Reservoir beziehen können.» Verschiedene Zirkulationsverfahren und ihre Energiebilanz und Speichereffizienz werden getestet und die Überwachungs- und Modellierungssysteme weiter verbessert. Auch die wirtschaftlichen Aspekte eines unterirdischen Energiespeichers werden analysiert.
Seit Frühling 2025 ist der neue, 120 Meter lange Seitentunnel zum Haupttunnel des BedrettoLab fertig. Er verläuft parallel zu einer tektonischen Verwerfungszone im Granit und eignet sich zur Erforschung von Erdbebenprozessen – deshalb der Projektname FEAR für «Fault Activation and Earthquake Rupture».
Dank der Bohrlöcher im Seitentunnel gelangt man nahe an die Verwerfungszone heran, mehrere Bohrlöcher durchdringen die Verwerfung sogar. So können die Forschenden des internationalen FEAR-Konsortiums die vielen offenen Fragen zum Ablauf von Erdbeben angehen. «Wir erhalten komplett neue Erkenntnisse», freut sich Giardini.
Geobiologie und Teilchenphysik
Seit 2023 forscht auch Cara Magnabosco, Professorin für Geobiologie und Mitglied des «Centre for Origin and Prevalence of Life» der ETH Zürich, im BedrettoLab. Sie möchte herausfinden, welche Elemente unabdingbar sind, damit Leben entstehen kann. Das BedrettoLab eignet sich für die Beantwortung dieser Frage, weil in den tiefen Gesteinsschichten Bereiche existieren, die über Jahrmillionen vollkommen abgeschottet waren.
2026 soll ausserdem eine Kaverne im BedrettoLab für Teilchenphysik-Experimente umgebaut werden. Die Forschungsgruppe von Professor Björn Penning von der Universität Zürich ist hier federführend. Die Physiker wollen Elementarteilchen aus dem Weltall aufspüren und so die dunkle Materie erforschen, die den grössten Teil des Universums ausmacht. «Nur Partikel wie Neutrinos oder Myonen gelangen durch die kilometerdicke Granitschicht bis ins BedrettoLab», erklärt Giardini.
Und nicht zuletzt wurde im vergangenen Jahr die Verstetigung des BedrettoLab angegangen. Der ETH-Rat hat das einzigartige Felslabor im Tessin auf seine Liste der grossen Forschungsinfrastrukturprojekte von nationaler Bedeutung gesetzt und dem Bund zur weiteren Finanzierung vorgeschlagen.





