Das Projekt BEACH im BedrettoLab der ETH Zürich erforscht, ob sich Energie in undurchlässigen Gesteinen wie Granit speichern lässt. Dafür wird Wasser durch ein Bohrloch ins Innere des Felsens gepresst.

Granit als Riesen-Akku brauchen

Im Sommer produzieren Solaranlagen oft mehr Strom, als gerade gebraucht wird. Im Winter hingegen steigt der Energiebedarf stark an. Wie lässt sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schliessen? Im BedrettoLab der ETH Zürich testen Forschende eine Technologie, die auf den ersten Blick überraschend simpel wirkt: Sie speichern Wärme im Innern eines Berges.

Die Energiewende bringt eine grundlegende Heraus­forderung mit sich: Mit dem Ausbau von Solar- und Wind­energie wird immer mehr Strom dann produziert, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Der Verbrauch folgt jedoch anderen Mustern. Besonders im Winter steigt der Energiebedarf stark an, während die Solar­strom­produktion sinkt. Es braucht deshalb Möglich­keiten, Energie über längere Zeit­räume zu speichern.

Genau hier setzt das Projekt BEACH im von der Werner Siemens-Stiftung mit­finan­zierten «BedrettoLab» in einem ehemaligen Belüftungs­stollen des Furka-Tunnels tief im Gotthard­massiv im Kanton Tessin an. BEACH steht für «Bedretto Energy Storage and Circulation of Geothermal Energy». Das von der ETH Zürich geleitete und vom Bundes­amt für Energie finanzierte Pilot- und Demonstrations­projekt untersucht, ob Wärme über Monate hinweg in kristallinem Gestein gespeichert und später wieder genutzt werden kann.

Ein Energiespeicher tief im Berg

Die Idee dahinter ist einfach: Über­schüssige Energie wird genutzt, um Wasser zu erwärmen. Dieses warme Wasser wird in den Unter­grund gepumpt und dort gespeichert. Monate später kann die Wärme zurück­gewonnen werden. «Solche Systeme existieren bereits», sagt BEACH-Projekt­leiter Valentin Gischig von der ETH Zürich. «Allerdings werden sie heute fast ausschliesslich in porösen Sediment­gesteinen eingesetzt, etwa in Kies- oder Sandstein­schichten.» Dort kann sich Wasser in den Poren des Gesteins verteilen und speichern.

Längst nicht überall in der Schweiz herrschen jedoch solche geologischen Voraus­setzungen. Vor allem im Alpen­raum dominieren stattdessen undurch­lässige Gesteine wie Granit, Gneis und Kalk. «Darin gibt es keine Poren und durch­lässige Gesteins­schichten, in denen man warmes Wasser speichern könnte», sagt Gischig. «Aber sie haben Risse, in denen Wasser zirkuliert.»

Die feinen Bruch­strukturen, so die Idee, könnten als unter­irdisches Leitungs­system dienen, in dem Wärme gespeichert und trans­portiert wird. Das BEACH-Projekt gehört zu den ersten Forschungs­programmen weltweit, die saisonale Wärme­speicherung in kristallinem Fels unter realen Bedingungen untersuchen. «Vergleichbare Projekte existieren bislang nur vereinzelt, in Tromsø in Norwegen oder den USA», sagt Gischig.

Ein Berg voller Sensoren

Die ersten Experimente im BedrettoLab starteten im Sommer 2025. «Wir fingen an mit einem Bohr­loch und pressten ungefähr 200 Kubik­meter kaltes Wasser hinein», erzählt Gischig. «Ein paar Wochen später pumpten wir es durch dasselbe Loch wieder heraus.» Dass dabei nicht die gesamte Wasser­menge zurück­ge­wonnen werden konnte, über­raschte das Forschungs­team nicht. Viel wichtiger war es, die Bewegungen des Wassers im Unter­grund zu verstehen.

Um heraus­zufinden, was tief im Fels geschieht, setzen die Forschenden auf eine dichte Über­wachung. Rund um das Versuchs­feld messen Sensoren laufend Temperatur­veränderungen, kleinste Gesteins­verformungen und seismische Signale. Dadurch lässt sich nach­voll­ziehen, wie sich Wasser und Wärme im Unter­grund ausbreiten.

Zusätzlich mischten die Forschenden dem Wasser winzige Mengen Krypton bei. Als Edel­gas geht es nahezu keine chemischen Verbin­dungen ein und eignet sich deshalb hervor­ragend als Tracer. «Wir wollten beispiels­weise keine Reaktionen mit der Mikroben­welt im Tiefen­gestein auslösen», sagt Gischig. Mithilfe hoch­präziser Mess­geräte lässt sich anhand der Tracer verfolgen, welchen Weg das Wasser im Gestein nimmt und wie lange es für bestimmte Strecken benötigt.

Ein ganzer Ring von Bohrlöchern

Die nächsten Forschungs­schritte folgten im vergangenen Herbst und Winter: Die Forschen­den injizierten nun Wasser, das auf eine Temperatur von etwa 80 Grad Celsius erhitzt worden war. Zwei Wochen lang wurde Wasser in den Unter­grund gepumpt, anschliessend wartete das Team eine Woche, bevor die Rück­förderung begann. Die Experimente würden momentan ausge­wertet, sagt Gischig. Die zentrale Frage lautet: Wie viel der einge­brachten Wärme bleibt im Gestein gespeichert – und wie effizient lässt sie sich wieder zurück­holen?

Ab 2027 soll das Projekt in eine neue Phase eintreten. Dann kommen soge­nannte Cross-Hole-Experi­mente zum Einsatz. Dabei schaffen die Forschenden eine hydrau­lische Verbindung zwischen mindestens zwei Bohrungen. Durch das erste Bohr­loch gelangt warmes Wasser in den Unter­grund. Später wird über ein zweites Bohr­loch Wasser einge­bracht, welches das erwärmte Wasser gezielt in Richtung des ersten Bohrlochs presst.

«So könnte man es mit einem höheren Druck wieder an die Ober­fläche bringen und die Rück­gewinnungs­rate deutlich erhöhen», hofft Gischig. Lang­fristig denken die Forschen­den sogar an Systeme mit mehreren Bohr­löchern. Erfahrungen aus ähnlichen Versuchen in Tromsø deuten laut dem Forscher darauf hin, dass sich die Wärme mit ring­förmig ange­ordneten Bohrungen besser und lokali­sierter im Unter­grund halten lässt.

Sicherheit hat oberste Priorität

Ob eine Technologie funktioniert, ist nur eine Seite der Medaille. Ebenso wichtig ist die Frage, ob sie wirtschaftlich betrieben werden kann. Deshalb gehören zum BEACH-Projekt umfangreiche Computer­simulationen und techno­ökonomische Analysen. Forschende der Fachhoch­schule SUPSI in Lugano etwa unter­suchen mögliche Geschäfts­modelle und konkrete Anwendungs­fälle – zum Beispiel für die Kehricht­verbrennungs­anlage in Giubiasco. Dort fällt ganz­jährig Wärme an, die heute teilweise ungenutzt bleibt. Künftig könnte über­schüssige Energie im Sommer im Unter­grund gespeichert und in der kalten Jahres­zeit wieder genutzt werden.

Wenn Wasser unter Druck in Fels gepresst wird, stellt sich unweigerlich die Frage, ob dies Erd­beben auslösen könnte. Im BedrettoLab wird diesem Aspekt deshalb besondere Beachtung geschenkt. «Wir überwachen ganz genau und rund um die Uhr die seismische Aktivität», sagt Valentin Gischig. «Im Falle von ungewöhnlichen Aus­schlägen würde der Tunnel geschlossen – und die Pumpen könnten sogar von Zürich aus gesteuert werden.» Die Forschenden achten darauf, unter jenen Druck­bereichen zu bleiben, die grössere seismische Ereignisse auslösen könnten. Bislang, sagt Gischig, seien keine proble­matischen Erschütterungen beobachtet worden.

Ein enormes Potenzial

Noch ist offen, ob sich die Technologie im grossen Mass­stab durchsetzen wird. Falls die Experi­mente positiv verlaufen, hat die Technik aber enormes Potenzial, bestehen doch rund 60 Prozent der Schweizer Oberfläche aus kristallinem Gestein. Gelingt es, diese geologische Ressource als saisonalen Wärmes­peicher nutzbar zu machen, könnte praktisch die gesamte Schweiz von der Techno­logie profitieren.

«Um Wasser warm zu halten, muss man nicht einmal besonders tief bohren», erklärt Gischig. Ungefähr 300 Meter würden reichen – eine Tiefe, die Bohrfirmen teils bereits für Wärme­pumpen erreichen. Sollte BEACH erfolgreich sein, könnte also aus dem BedrettoLab ein wichtiger Pfeiler für die Energie­versorgung der Zukunft keimen: über­schüssige Sommer­energie speichern, Winter­lücken schliessen und erneuer­bare Energien besser nutzbar machen. Der Unter­grund würde dann nicht nur Energie liefern – sondern sie auch aufbewahren.

Text: Simon Koechlin