Mit Knallgas­bakterien zur Kreislauf­chemie

Knallgas­bakterien verwandeln CO2 mithilfe von Wasserstoff in wertvolle chemische Bausteine – zum Beispiel biologisch abbaubare Kunststoffe. Forschende am WSS-Forschungs­zentrum catalaix in Aachen entwickeln Methoden, um diese Fähigkeiten technisch nutzbar zu machen. Ziel ist eine Kreislauf­chemie, die ohne fossile Rohstoffe auskommt.

Das WSS-Forschungs­zentrum catalaix hat sich das gewaltige Ziel gesetzt, die chemische Industrie grundlegend zu verändern – hin zu einer nachhaltigen, mehr­dimensionalen Kreislauf­wirtschaft. Chemische Produkte wie Kunststoffe entstehen heute zumeist aus fossilen Energie­trägern wie Erdöl und werden, da oft kaum abbau- und rezyklierbar, am Ende ihrer Nutzungs­zeit entsorgt oder verbrannt.

An der RWTH Aachen entwickeln die catalaix-Forschenden einerseits innovative, katalytisch getriebene Methoden, um aus heutigen Kunst­stoffen hochwertige, wieder­verwend­bare chemische Bausteine zu gewinnen. Anderer­seits suchen sie nach Wegen, um aus erneuer­baren Kohlen­stoff- und Energie­quellen neue, nachhaltige, biologisch abbaubare Kunst­stoffe zu gewinnen.

Einen bemerkens­werten Ansatz für eine solche CO2-basierte Biotechno­logie verfolgt die Arbeits­gruppe von Lars Lauterbach, Professor für Synthetische Mikro­biologie an der RWTH Aachen. Sein Team arbeitet mit einer Gruppe faszinierender Mikro­organismen, den sogenannten Knallgas­bakterien. Diese Bakterien gewinnen Energie, indem sie Wasser­stoff mit Sauerstoff zu Wasser verbrennen – eine Reaktion, die auch als Knallgas­reaktion bekannt ist. Diese Reaktion ist eigentlich explosiv – in den Bakterien läuft sie jedoch kontrolliert ab.  

«Knallgas­bakterien sind kleine chemische Fabriken: Sie können CO2 mithilfe von Wasser­stoff direkt in wertvolle Moleküle umwandeln. Wenn wir diese natürlichen Stoffwechsel­wege technisch nutzbar machen, können wir chemische Bausteine und biologisch abbaubare Kunststoffe künftig aus CO2 und erneuer­barer Energie herstellen – ganz ohne fossile Rohstoffe», sagt Lars Lauterbach.

CO2-Fixierung mit Wasserstoff

Ein gut erforschtes und vielver­sprechendes Knallgas­bakterium ist das Boden­bakterium Cupriavidus necator. Es nutzt die mit der Knallgas­reaktion gewonnene Energie für seinen Stoff­wechsel. Das Bakterium ist in der Lage, CO2 aus der Atmosphäre in organische Verbindungen umzuwandeln; wenn organische Kohlen­stoff­quellen wie Zucker oder Lipide vorhanden sind, nutzt es auch diese. Der Clou: Über­schüssigen Kohlen­stoff speichert das Bakterium in Form eines biologisch abbaubaren Kunststoffs namens Polyhydroxy­butyrat (PHB) in seinen Zellen.

«Cupriavidus necator besitzt also zwei gross­artige Fähigkeiten», sagt Meryem Bahceli, Doktorandin in Lars Lauterbachs Forschungs­gruppe. «Zum einen fixiert es CO2 mithilfe von Wasser­stoff. Es lässt sich nutzen, um CO2 aus der Atmosphäre in chemische Produkte zu überführen, wenn man grünen Wasser­stoff verwendet – also solchen, der unter Verwendung erneuerbarer Energien hergestellt wurde. Zum anderen kann man mit Hilfe von Cupriavidus aus CO2 direkt biologisch abbaubare Kunst­stoffe herstellen.»

Genau dies ist das langfristige Ziel der Forschungs­gruppe von Lars Lauterbach in catalaix. Und zwar mithilfe verschiedenster Ansätze: Ein nahe­liegender Weg ist es, Cupriavidus necator zu kultivieren und den Biokunst­stoff PHB und dessen Derivate produzieren zu lassen. In Japan stelle ein Unter­nehmen auf diese Weise beispiels­weise bereits Einweg-Zahnbürsten her, sagt Meryem Bahceli. Allerdings verwenden sie organische Kohlenstoff­quellen wie Zucker und Fette, was aus Nachhaltig­keitssicht ungünstiger ist, als wenn man das Bakterium mit dem Treib­hausgas CO2 «füttern» würde.

Bakterien voller Biokunststoff

In catalaix arbeiten die Forschenden deshalb auf ver­schiedenen Ebenen an der Ver­besserung der Kulti­vierungs­methoden des Bakteriums – mit­hilfe sogenannter Gas­fermen­tationen. So haben die Forschenden beispiels­weise kürzlich in einer Publikation (1) eine Methode vorge­stellt, mit der sich das Bakterium in der Kultur schritt­weise rasch von der zucker­basierten Ernährung auf die CO2-Fixierung umstellen lässt.

Doktorandin Halima Aliyu Alhafiz beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Cupriavidus auf CO2-Basis so kultivieren lässt, dass die Bakterien möglichst viel PHB produzieren. Sie habe eine Ausbeute von ungefähr 42 Gramm Zell­trocken­gewicht pro Liter Kultur­flüssig­keit erreicht, erzählt Halima Aliyu Alhafiz. «Das Poly­hydroxy­butyrat machte 72 Prozent davon aus. Das bedeutet: Unter guten Bedingungen besteht der Gross­teil des Bakteriums aus diesem Bio­kunst­stoff.»

Bei der Kultivierung von Knall­gas­bakterien gilt es stets, die Sicher­heit im Auge zu behalten. «Die Arbeit mit kleinen Mengen im Chemie­labor birgt zwar kaum Explosions­gefahr, zumal die Experimente stets im Abzug statt­finden», erzählt Halima Aliyu Alhafiz. «Aber sobald sich der Produktions­massstab vergrössert, müssen Sicherheits­vorkehrungen getroffen werden.» In industriellen Anlagen wird daher meist unter Druck gearbeitet, was teuer ist und sicherheits­technisch hohe Ansprüche stellt.

Sichere Kultivierungssysteme

«Wir versuchen deshalb, keinen Gasraum entstehen zu lassen, indem wir die Gase mithilfe einer Membran leiten», sagt Halima Aliyu Alhafiz. Die Forschungs­gruppe hat beispiels­weise ein bio­elektro­chemisches System mit einer sogenannten Protonen­austauschmembran-Zelle entwickelt und kürzlich in einer Publikation vorgestellt (2). Legt man in einem solchen System Strom an, entsteht auf der einen Seite Sauer­stoff, auf der anderen Wasser­stoff. Der Wasser­stoff diffundiert unmittelbar ins Kultur­medium und steht den Bakterien zur Verfügung – man braucht ihn nicht mehr in Form eines unter Druck stehenden Gases zuzu­führen.

Gleich­zeitig zeigt diese Publikation einen zweiten spannenden Ansatz auf, um Cupriavidus zu nutzen: Mit gen­techni­schen Methoden lässt sich das Bakterium nämlich so ver­ändern, dass es statt PHB andere Stoffe produ­ziert: In dem Elektro­lyse-System ver­wen­deten die Forschen­den beispiels­weise einen Bakterien­stamm, der Iso­propanol her­stellt – einen begehrten Industrie­alkohol, der als Lösungs­mittel, Des­infektion­smittel oder zur Verarbeitung von Kunst­stoffen genutzt wird.

«Knallgasbakterien sind kleine chemische Fabriken: Sie können CO2 mithilfe von Wasserstoff direkt in wertvolle Moleküle umwandeln.»

Lars Lauterbach

Mischkultur für Chemikalienvielfalt

Eine breite Palette von Chemi­kalien produ­zieren zu können, ist ent­scheidend für eine nachhaltige Kreislauf­chemie. «Eine nach­haltige Zukunft können wir nicht mit bloss einer einzigen biologischen Polymer-Art aufbauen», sagt Meryem Bahceli. Sie selbst verfolgt in ihrer Doktor­arbeit diesen Ansatz mit einer anderen Idee: mit Misch­kulturen, in denen Bio­polymere schritt­weise durch die Koppelung verschiedener Mikro­organismen entstehen. Für einen Machbarkeits­nachweis hat sie neben Cupriavidus necator das Bakterium Bacillus subtilis ausgewählt.

Dabei produziert das Knall­gas­bakterium in einem ersten Schritt aus CO2 und Wasser­stoff eine chemische Substanz und gibt diese ins Kultur­medium ab. In Meryem Bahcelis Experi­menten handelt es sich dabei um Pyruvat, ein wichtiges Stoff­wechsel­produkt. Im zweiten Schritt nutzt Bacillus subtilis das Pyruvat, um γ-Polyglutaminsäure zu produzieren – ein Biopolymer, das in der Kosmetik- und in der Nahrungs­mittel­industrie oder in der Medizin eingesetzt werden kann.

«Die Heraus­forderung ist es, diese Mischkultur so zu stabilisieren, dass keiner der beiden Stämme den anderen über­wuchert», sagt Meryem Bahceli. Die Grund­idee sei es, eine Art modulares System zu entwickeln. Von Bacillus subtilis zum Beispiel lassen sich gen­technisch veränderte Stämme her­stellen, die unter­schiedliche Bio­kunst­stoffe oder Bio­kompo­nenten produ­zieren. «Je nachdem, welchen zweiten Organis­mus man wählt, erhält man ein anderes End­produkt», sagt Meryem Bahceli.

Enzyme regenerieren Kofaktor

Ein weiterer Ansatz, den die catalaix-Forschen­den verfolgen, ist es, jene Enzyme aus dem Knall­gas­bakterium zu gewinnen und zu verwenden, mit denen es Wasser­stoff verwertet. Diese sogenannten Hydro­genasen lassen sich an andere chemische Prozesse koppeln. In einer Studie (3) nutzte die Forschungs­gruppe diesen Ansatz etwa, um aromatische Verbindungen aus Lignin, einem natürlichen Bio­polymer und Abfallprodukt der Papier­industrie, aufzuwerten.

Enzyme aus verschiedenen Bakterien ermöglichten die Umwandlung der Lignin-Derivate. Damit diese Enzyme einsatz­fähig bleiben, benötigen sie sogenannte Kofaktoren, die während der Reaktion Elektronen über­tragen. Kofaktoren sind oft sehr teuer und müssen nach dem Ablauf der Reaktion durch Elektronen­transfers ihrer­seits regeneriert werden. Genau dafür setzten die Forschenden eine Hydro­genase aus Cupriavidus necator ein: Sie nutzt Wasser­stoff, der mittels elektrischen Stroms aus Wasser herge­stellt wird, um den Kofaktor nach jedem Zyklus wieder in seine energie­reiche Form zu bringen, welche die Lignin-Umwandlungs-Enzyme aktiviert.

Knallgas­bakterien sind unscheinbar und den meisten Menschen völlig unbekannt. Doch die winzigen Lebe­wesen verfügen nicht nur über faszinierende Strategien, um selbst zu überleben. Sie besitzen Fähig­keiten, die für die Zukunft des gesamten Planeten wichtig werden könnten. Fähigkeiten, welche die Gruppe von Lars Lauterbach in ihrer gesamten Breite untersucht, um die chemische Industrie nach­haltiger zu machen.

Studien:

(1) , (2) , (3)