
Was in der Sortieranlage übrig bleibt
Das Sammeln und Sortieren gemischter Abfälle ist eine Herausforderung. Beim in Deutschland verwendeten «Gelben Sack» etwa verbleibt ein beträchtlicher Anteil an Reststoffen, die nicht rezykliert werden. catalaix-Forschende um Kathrin Greiff nehmen sich diesen Reststrom vor.
Den «Gelben Sack» oder die «Gelbe Tonne» kennt in Deutschland jede und jeder: Darin dürfen die Verbraucherinnen und Verbraucher leichte Verpackungen aus Kunststoff, Aluminium, Weissblech und Verbundmaterialien entsorgen. In speziellen Anlagen werden die so gesammelten Abfälle sortiert und für ein mechanisches Recycling aufbereitet.
Bei der Sortierung werden unterschiedlichste, automatisierte Trenntechniken benutzt. Zuerst wird feinkörniges Material ausgesiebt. Danach werden Kunststofffolien entfernt. Das geschieht durch einen sogenannten Windsichter, der die leichten Folien durch Luftströme austrägt. Als Nächstes ziehen Magnet-Trenner die magnetischen Bleche vom Band. Nichtmagnetische Metalle wie Aluminium werden mit einem rotierenden Magnetfeld magnetisiert und ausgeschleudert.
Nun schlägt die Stunde der Nahinfrarot-Sensoren. Diese Geräte erkennen verschiedene Kunststoffe sowie Getränkekartons anhand des Lichtspektrums, das diese absorbieren. Durch gezielte Druckluftstösse auf dem Trennband werden die identifizierten Kunststoffteile aussortiert. Weil jeder Kunststoff sein charakteristisches Absorbtionsspektrum aufweist, können dank dieser Technik beispielsweise Kunststoffsorten wie Polyethylen (PE), Polyethylenterephthalat (PET) oder Polypropylen (PP) getrennt rezykliert werden.
«Diese Anlagen funktionieren im Rahmen des heute technisch Möglichen sehr gut», sagt Kathrin Greiff. Sie leitet das Institut für Anthropogene Stoffkreisläufe an der RWTH Aachen und ist eine der verantwortlichen Forschungsprojekt-Leiterinnen im WSS-Forschungszentrum catalaix. «Trotzdem gibt es einen beträchtlichen Reststoff-Strom, der übrig bleibt und grossenteils thermisch verwertet wird.» Je nach Zusammensetzung der entsorgten Abfälle kann der nicht rezyklierte Teil bis zu 50 Prozent des Sack-Inhalts betragen.
Reststrom aus der Sortieranlage
Ein grosser Teil dieser Restströme ist schlicht darauf zurückzuführen, dass im Gelben Sack auch Abfälle landen, die sich nicht rezyklieren lassen: Essensreste, Windeln, Textilien oder blinkende Schuhe, die aufgrund des eingebauten Akkus in den Elektromüll gehören. Der andere Teil bleibt übrig, weil die Trenntechniken nicht perfekt sind. Einzelteile können auf dem Trennband von anderen verdeckt sein. Mit Russ behandelte Kunststoffe sind für die Lichtsensoren schwierig zuzuordnen.
Kathrin Greiff und ihr Team haben untersucht, was genau in diesem «Abfall des Abfalls» enthalten ist. Dazu holten sie sich aus einer Sortieranlage drei Dutzend 90-Liter-Proben voller Reststoffe. In einem ersten Schritt untersuchten sie den Inhalt noch einmal mit einem Infrarotsensor. Danach nahmen sie den Müll von Hand auseinander, um ihn zu sortieren und die unterschiedlichen Kunststoffe darin zu bestimmen.
Zuständig für diese aufwändige Arbeit war Alena Maria Spies, die Leiterin der Forschungsgruppe Aufbereitung und Prozessketten am Institut für Anthropogene Stoffkreisläufe. Sie hat die Resultate im Herbst auch auf einer Fachkonferenz in Sardinien (Italien) präsentiert. «Wir fanden einen sehr hohen Anteil an Biomasse, oft in einem Gemisch mit Kunststoffen», erzählt Spies. Das heisst: beispielsweise halb leergegessene Joghurtbecher oder Steaks, die noch in ihrer Verpackung liegen.
Um abzuschätzen, wie gross der Anteil an Restmaterial ist, der allenfalls doch noch rezykliert werden könnte, bestimmten die Forschenden das effektive Trockengewicht ihrer Müll-Stichproben. «Fraktionen mit viel Biomasse wiesen einen Wassergehalt von zum Teil über 30 Prozent auf», sagt Alena Maria Spies. «Das Wasser macht also viel Gewicht des Reststromes aus, ist aber natürlich kein verwertbares Realmaterial.»
Trotzdem blieb noch einiges an unterschiedlichsten Kunststoffen übrig. Neben relevanten Mengen an Standard-Verpackungskunststoffen wie PE, PET oder PP fanden die Forschenden auch andere Kunststoffsorten wie PVC, PA oder ABS in relevanten Mengen. Das bedeutet: Theoretisch gibt es durchaus Verbesserungspotenzial für die bisherigen Prozesse und für eine Erhöhung der Recycling-Quoten. Nun gilt es zu klären, wie dies ökologisch, ökonomisch und technisch optimiert gelingen kann.
Von den Daten zum Modell
Genau solche Bewertungen sind die Spezialität der Forschenden um Kathrin Greiff. Ihre Gruppe entwickelt Modelle, mit denen sich Stoffströme bewerten und steuern lassen – und in denen man Optimierungen durchspielen kann. Verbesserungen können dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansetzen: Was passiert, wenn man das Design einer Verpackung ändert? Wie verbessert sich die Sortier-Quote, wenn weniger Essensreste entsorgt werden? Und natürlich: Gibt es Stoffströme, für welche die Entwicklung chemischer, katalytischer Recyclingmethoden möglich und lohnenswert ist?
Diese Art der Zusammenarbeit laufe nun in catalaix, sagt Greiff. «Wir identifizieren mögliche Stoffströme – und die Kolleginnen und Kollegen der Katalyse suchen Wege, um sie abzubauen und im Kreislauf zu führen.» Genau das, sagt sie, sei der riesige Vorteil des WSS-Forschungszentrums: «Früher arbeiteten die Forschungsgebiete eher für sich – nun haben wir die Möglichkeit, die Lücken zu schliessen und Perspektiven zusammenzubringen, die für ein Gelingen einer Kreislaufwirtschaft wesentlich sind.»





