Lenkungsabgabe auf Lebensmittel

Der ökologische Fuss­abdruck des Nahrungs­mittel­konsums ist erheblich. Forschende des Projekts CERES haben nun untersucht, wie sich Klima und Umwelt mittels Lenkungs­abgaben auf Lebensmittel entlasten lassen. Ein rasch umsetzbarer erster Schritt wäre laut ihnen das Aufheben von Mehrwert­steuer­ermässigungen auf Fleisch. 

Der moderne Nahrungs­mittel­konsum ist eine Belastung für die Umwelt: Er geht einher mit einem hohen Wasser- und Landverbrauch, gefährdet die Bio­diversität und bringt Unmengen von Stick­stoff und Phosphor in Böden und Gewässer. Zudem stammt knapp ein Viertel der von privaten Haus­halten verursachten Treibhaus­gas-Emissionen von dem, was auf unsere Teller kommt.

Ein Forschungs­team des von der Werner Siemens-Stiftung geförderten Projekts CERES am Potsdam-Institut für Klima­folgen­forschung (PIK) in Potsdam hat untersucht, wie sich die Umwelt­schäden des Ernährungs­sektors mittels Lenkungs­abgaben vermindern lassen. In einer Studie (*), die kürzlich im renommierten Fach­magazin «Nature Food» publiziert worden ist, verglichen die Forschenden dafür zwei Ansätze: einen pragmatischen, rasch umsetzbaren Vorschlag und eine differenziertere Umwelt­steuer, deren Einführung komplexer wäre.

Volle Mehrwertsteuer auf Fleisch

Die erste Variante ist die Aufhebung von Steuer­vergünstigungen auf Fleisch, das unter den Lebens­mitteln einen besonders grossen ökologischen Fuss­abdruck hat. In 22 von 27 EU-Staaten und in der Schweiz gilt ein ermässigter Mehrwert­steuersatz für im Laden gekaufte Fleisch­produkte; in Deutschland etwa sind es 7 statt 19 Prozent. Hebt man diesen Steuer­vorteil auf, erhöht sich also der Fleisch­preis an deutschen Theken um 12 Prozentpunkte.

Anhand von repräsen­tativen Erhebungen zu den Ausgaben privater Haus­halte schätzten die Forschenden für alle 27 EU-Staaten ab, wie Privat­haushalte auf solche Preis­auf­schläge reagieren und wie sich diese Reaktionen auf die Belastungen für das Klima und die Öko­systeme auswirken. Ausser­dem berechneten sie, welche Kosten die erhöhte Besteuerung für die Haus­halte verursachen würde. «Dabei gingen wir davon aus, dass die Steuer­einnahmen etwa in Form von Pro-Kopf-Zahlungen zurück­verteilt werden können», sagt Matthias Kalkuhl, Leiter eines der vier CERES-Arbeits­pakete und Professor für Wirtschafts­wachstum, Klimawandel und Entwicklung an der Universität Potsdam.

Die Modell­rechnung zeigte: Die Mehrwert­steuer­anpassung würde dazu führen, dass die Menschen in Europa im Durch­schnitt ungefähr 8 bis 11 Prozent weniger Fleisch essen. Dadurch reduzieren sich die Umweltschäden je nach Kategorie – also zum Beispiel Treib­hausgas-Emissionen, Wasser­verbrauch oder Bio­diversitäts­verlust – um 3,5 bis 5,7 Prozent. Die Ausgaben pro Haushalt steigen pro Jahr im Durch­schnitt um 109 Euro. Wenn im Gegenzug jeder Haushalt 83 Euro pro Jahr rück­erstattet bekäme, beliefen sich die Netto-Kosten aber nur auf 26 Euro pro Haushalt und Jahr.

Ein CO2-Preis auf Lebens­mittel

Als zweite Variante rechneten die Forschen­den ein Szenario durch, das aus ökonomi­scher Sicht zu bevorzugen wäre: eine Umwelt­steuer auf alle Lebens­mittel, wobei die Höhe der Abgabe vom Treib­haus­gas-Aus­stoss abhängt, den die Herstellung eines Produkts benötigt. «Um die beiden Instru­mente miteinander ver­gleich­bar zu machen, stellten wir die Abgabe so ein, dass damit gleich viel Treib­haus­gas-Emissionen ein­gespart werden wie mit der Mehr­wertsteuer­anpassung auf Fleisch», erklärt Charlotte Plinke, Erstautorin der Studie und Doktorandin im CERES-Projekt.

Das ist bei einem Preis­auf­schlag von ungefähr 52 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent der Fall – also ungefähr gleich viel wie der aktuelle deutsche CO2-Preis für Treib­stoff und Heizöl (55-65 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent). Die Treib­hausgas-Bepreisung würde bei einigen Umwelt­schäden, zum Beispiel Land­nutzung und Wasser­verbrauch, einen etwas stärkeren Nutzen bringen als die An­passung der Mehrwert­steuer auf Fleisch. Und sie käme die Verbraucherinnen und Verbraucher bei Rück­er­stattung noch etwas kosten­günstiger zu stehen: Die Forschen­den berechneten eine durch­schnittliche jährliche Belastung von 12 Euro pro Haushalt.

Kostenwahrheit schaffen

Nicht nur deswegen hätte die Treib­hausgas-Abgabe gegenüber der Fleisch-Mehrwert­steuer­erhöhung Vorteile, sagt Matthias Kalkuhl. «Sie ist differenzierter und berück­sichtigt auch hohe Umwelt­kosten anderer Nahrungs­mittel, zum Beispiel Milch oder Käse.» Wegen der breiteren Besteuerung müsste man für den gleichen Effekt den Fleisch­preis weniger stark erhöhen. Zudem liesse sich diese Abgabe langfristig erhöhen, um den gewünschten Verlagerungs­effekt zu erzielen. Eine Verteuerung der Fleisch-Mehrwert­steuer über den normalen Satz hinaus wäre dagegen wohl kaum umsetzbar.

Das Fazit der Studie lautet deshalb: Die Aufhebung der Mehrwert­steuerver­günstigung auf Fleisch nutzt ein bestehendes Finanz­instrument und lässt sich rasch umsetzen. Sie eignet sich als erster Schritt, der später mit einer aufwändigeren, aber umfassen­deren Abgabe ergänzen liesse.

Mit einer Besteuerung von Lebens­mitteln allein lassen sich die Klima- und Umwelt­probleme nicht aus der Welt schaffen lassen. «Solche Mass­nahmen müssen mit anderen politischen Schritten einhergehen», sagt Matthias Kalkuhl. Aber gemessen an den niedrigen Kosten seien die Effekte beachtlich. Letz­tlich gehe es um Kosten­wahrheit, ergänzt Charlotte Plinke. «Im Preis von Lebens­mitteln sollten sich auch die Gesellschafts- und Umwelt­kosten ihrer Herstellung spiegeln.»

Diffuse Quellen, schwierige Umsetzung

Bislang existieren solche Ein­preise-Massnahmen im Ernährungs­bereich kaum – anders als zum Beispiel im Energie­sektor. Das habe wohl damit zu tun, dass die Emissions­quellen sehr diffus und die Umsetzung schwierig sei, sagt Matthias Kalkuhl. In Europa existieren Millionen von Landwirtschafts­betrieben mit unter­schiedlichen Flächen, Tierbeständen oder Stickstoff­emissionen. Negative Folgen der Bewirt­schaftung, zum Beispiel für Böden oder für das Grund­wasser, werden zudem teil­weise erst Jahre später sichtbar.

Im heutigen politischen Umfeld seien die Chancen auf eine Ein­führung solcher Mass­nahmen zwar eher gering, räumen die beiden Forschenden ein. Aber wenn dereinst beispiels­weise eine Grundsatz­debatte zum Mehrwert­steuer­system geführt werde oder die durch den Fleisch­konsum verursachten Gesundheits­kosten in den Fokus gerieten, könnte eine solche Idee auf den Tisch kommen, sagt Kalkuhl. «Für einen solchen Fall ist es wertvoll, dank unserer Studie zu wissen, welche Effekte in solchen Massnahmen schlummern.»

* Studie