Alexander Mitsos ist Professor für Systemverfahrenstechnik an der RWTH Aachen und Mitglied des Kernteams von catalaix. Mit seinem Team arbeitet er an maschinellen Lernmethoden, die mithelfen sollen, die Kunststoffchemie nachhaltiger zu machen.

KI-Vorher­sage im Chemie­labor

Künstliche Intelligenz eröffnet auch in der Chemie ungeahnte Möglichkeiten. Im WSS-Forschungs­zentrum catalaix wollen Forschende mithilfe von maschi­nellem Lernen neue Kunst­stoff­moleküle entwickeln, komplexe Plastik­gemische kosten­günstig und nach­haltig recyceln – und rascher vom Labor in die indust­rielle Produktion kommen.

Die Arbeit im Chemie­labor gleicht zuweilen der sprich­wörtlichen Suche nach der Nadel im Heu­haufen: Neue Moleküle, Reaktions­wege oder verfahrens­technische Anlagen zu entwickeln und zu testen, ist enorm aufwändig und zeitraubend. Seit einigen Jahren gilt die Künstliche Intelligenz als Hoffnungs­trägerin, um solche Prozesse zu verfeinern und zu beschleunigen. Maschinelle Lern­modelle, die mit Daten trainiert werden und daraus lernen, können beispiels­weise molekulare Eigen­schaften vorher­sagen und dadurch beim Design von neuen Molekülen helfen.

Am WSS-Forschungs­zentrum catalaix in Aachen arbeiten Forschende aus der Chemie, der Verfahrens­technik und der Informatik eng zusammen, um das Potenzial von KI-Ansätzen in die Praxis umzusetzen. «Die Idee ist es, sogenannte hybride Modelle zu erstellen», sagt Alexander Mitsos, Professor für System­verfahrens­technik an der RWTH Aachen und Mitglied des Kern­teams von catalaix. «Man kombiniert maschinelles Lernen mit physikalisch-chemischem Verständnis, um optimale Entscheidungen zu treffen.»

Das bedeutet: Man setzt den maschinellen Lern­modellen gewisser­massen Schranken, um Resultate auszu­schliessen, die gegen Natur­gesetze verstossen. Die Modelle beachten auf diese Weise zum Beispiel auto­matisch physika­lische Molekül-Symmetrien, halten struktu­relle Charakte­ristika von Poly­meren ein oder erfüllen thermo­dynamische Grund­gesetze. «Mit diesem Ansatz benötigt man weniger Daten, damit das Modell eine bestimmte Genauig­keit erreicht – oder man erreicht mit derselben Anzahl Daten bessere Vorher­sagen», sagt Alexander Mitsos.

Für Computer lesbar machen

Um maschinelle Lern­modelle zu bauen, müssen die Forschen­den zuerst die Strukturen von chemischen Mole­külen in Formen über­setzen, die für Computer lesbar sind. Eine sehr gute Möglich­keit sei die Darstel­lung mit sogenannten Graphen, erzählt Karim Ben Hicham, Doktorand in der Forschungs­gruppe von Alexander Mitsos. Es handelt sich um Netzwerke, in denen Moleküle durch sogenannte Knoten und Kanten abge­bildet werden. Jeder Knoten steht für ein Atom, die Kanten für die Bindungen.

«Sogenannte künstliche neuronale Netz­werke speichern für jeden Knoten und jede Kante Infor­mationen in Zahlen­form ab», sagt Karim Ben Hicham. Eine Zahl steht also beispiels­weise für ein Sauer­stoff­atom, eine andere für eine Doppel­bindung und so weiter. In den folgenden Schritten der Vorher­sage lernt das künstliche neuronale Netz, wie diese Infor­mationen Schritt für Schritt durch das Molekül­netzwerk fliessen müssen, um schliess­lich eine möglichst genaue Vorher­sage der Stoff­eigenschaften zu treffen.

«Um solche fort­ge­schrittenen Methoden aus der KI zu entwickeln und einzusetzen, ist eine inter­diszip­linäre Zusammen­arbeit extrem wichtig», sagt Alexander Mitsos. Im Forschungs­zentrum catalaix seien solche Koopera­tionen möglich, zum Beispiel mit der Arbeits­gruppe von Professor Martin Grohe, der an der Infor­matik-Fakultät der RWTH Aachen den Lehr­stuhl für Logik und Theorie diskreter Systeme innehat.

Komplexe Moleküle, komplexe Prozesse

Noch stossen solche KI-gesteuerten Vorhersage­modelle an ihre Grenzen. «Erfolg­reich eingesetzt werden sie heute meist bei relativ kleinen Molekülen mit wohl­definierten molek­ularen Formeln», sagt Alexander Mitsos. «Unser Ziel ist es, sie auch auf komp­lexe Mole­küle wie Kunst­stoff-Poly­mere und für das sogenannte Prozess­design anzuwenden.» Bei letzterem soll die KI-Vorher­sage nicht nur darauf achten, dass ein Molekül die gewünschten Eigen­schaften aufweist, sondern dass es auch in einem grösseren Mass­stab effizient, sicher, günstig oder schnell produziert werden kann.

In einem laufen­den cata­laix-Projekt versuchen die Forschen­den zum Beispiel, mittels maschi­nellem Lernen sogenannte Flüssig-Flüssig-Gleich­ge­wichte zwischen Kunst­stoff-Poly­meren und Lösungs­mitteln besser vorher­zusagen. Solche Gleich­gewichts­zustände sind beispiels­weise in der Verfahrens­technik wichtig, um Polymere aus Lösungen abzutrennen. «Thermodynamisch konsistente Modelle für solch komplexe Mischungen zu entwickeln, ist deutlich anspruchsvoller als solche für kleiner, wohl definierte Mole­küle», sagt Karim Ben Hicham.

Kunststoffgemische effizient auftrennen

Ein zweites aktuelles Projekt dreht sich um die Auf­reinigung von Poly­mer­mischungen. «Ein typisches Bei­spiel, das wir unter­suchen, mehr­schichtige Kunst­stoff­produkte, zum Bei­spiel eine Chips­tüte», sagt Karim Ben Hicham. Solche Mischungen müssen typischer­weise zuerst aufge­trennt werden, bevor sie chemisch recycelt werden können. «Wir nutzen maschi­nelle Lern­modelle, um heraus­zufinden, welche Lösungs­mittel man in welcher Reihen­folge anwenden muss, um die Polymer­mischungen kosten­günstig in sorten­reine Polymere aufzu­trennen.»

Es handle sich um ein äusserst komplexes Projekt, sagt Karim Ben Hicham. «Besonders schwierig ist es, sehr selektive Lösungs­mittel zu finden.» Denn die Polymere in dem Gemisch ähneln sich teilweise stark. Trotz­dem muss ein Lösungs­mittel einen Polymer-Typ zielgenau extra­hieren – und alle anderen in der Mischung lassen. Beim nächsten Schritt braucht es ein neues Lösungs­mittel, das wiederum aus den verbleiben­den Stoffen einen extrahiert – und so weiter.

Alternative zu Bisphenol A

Ein drittes KI-gestütztes Projekt, an dem die catalaix-Forschenden arbeiten, ist das Molekül-Design. «Besonders interessiert sind wir daran, eine Alter­native zu Bisphenol A zu entwickeln», erzählt Karim Ben Hicham. Bisphenol A, kurz BPA, steckt in Plastik­flaschen, Spiel­zeugen, Park­tickets, in der Innen­beschichtung von Konserven­dosen und in vielen anderen Alltags­produkten. Weil BPA den menschlichen Hormon­haushalt durch­einander­bringen kann, ist seine Ver­wendung in Europa seit Kurzem reglementiert. Eine nach­haltige Alter­native zu finden, stellt eine aktuelle Heraus­forderung in der chemischen Forschung dar.

Die Anforderungen an ein Alternativ­molekül sind aller­dings sehr hoch. Es sollte BPA-Eigen­schaften wie mechanische Stabilität, Transpa­renz und eine gute Verarbeit­bar­keit mit­bringen – ohne dessen gesundheits­schädigende Wirkungen. Und es sollte sich günstig produzieren und breit einsetzen lassen. «Wir entwickeln, zusam­men mit den experi­men­tellen Chemike­rinnen und Chemikern, Vorher­sagemodelle für Mole­küle, die solche Kriterien erfüllen», erzählt Karim Ben Hicham.

Beschränkte Datenbasis

Eine Heraus­forderung für den Einsatz von maschi­nellen Lern­modellen in der Chemie ist die Ver­füg­barkeit von Daten. «ChatGPT oder andere KI-Assistenten bauen auf einer riesigen Daten­basis auf», sagt Alexander Mitsos. «Wir hin­gegen müssen versuchen, mit relativ wenigen Daten möglichst gute Vorher­sagen zu treffen.» Weil Experimente teuer, aufwändig und tech­nisch schwierig sind, existieren nämlich für viele chemische Stoffe nur wenige, unvoll­ständige oder schlecht vergleich­bare Messdaten.

Zudem befinden sich viele Daten im Besitz von Konzernen, die nicht ihren Wissens­vorsprung verlieren wollen, indem sie öffent­lich zugängliche KI-Modelle füttern. «Auch wir haben das Interesse, die chemische Industrie in Europa zu halten und zu stärken», sagt Alexander Mitsos. Deshalb sei eine Zusammen­arbeit wichtig, von der beide Seiten profitieren. In seinen Augen die beste Methode sei es, dass die Forschung die Methoden mit öffent­lich verfüg­baren Daten entwickle und dann in die Industrie trans­feriere.

Der grosse Vorteil des Forschungs­zentrums catalaix sei dabei dessen Breite. «Wir haben ein grosses Team und alle wissen, dass wir nur gemeinsam viel erreichen können», sagt Mitsos. Im WSS-Forschungs­zentrum steuern deshalb diverse Chemie-Gruppen Daten zu Mole­külen und Reaktionen bei. Und andere Teams bringen ihre Expertise punkto Skalierung, Verfahrens­technik, Markt­prognosen oder Daten­modellierung und KI ein. Immer mit dem Ziel, die chemische Industrie möglichst rasch in Richtung nach­haltige Kreis­lauf­wirt­schaft zu führen.