Lars Blank vom Lehrstuhl für Angewandte Mikrobiologie an der RWTH Aachen untersucht, verbessert und entwickelt Mikroorganismen, die Kunststoffe zerlegen und daraus neue Stoffe produzieren können.

Mikroben, die Plastik umbauen

Im WSS-Forschungs­zentrum catalaix übernehmen Kataly­satoren die Schlüssel­rolle für den chemischen Ab- und Umbau von Kunst­stoffen. Doch auch die Natur hat Moleküle entwickelt, die dabei helfen können. Der Forschungs­bereich um Lars Blank nutzt solche mikro­biellen Enzyme, um verschiedene Kunststoff­moleküle aufs Mal ab- und umzuwandeln.

Wenn Lars Blank erklären möchte, wozu Mikroben fähig sind, verweist er auf den Wald: Ein Baum fällt um, bleibt liegen – und schon macht sich die Räum­equipe der Natur über ihn her. Vor allem winzige Pilze und Bakterien ermöglichen den Holz­abbau: Sie setzen Enzyme frei, die in der Lage sind, ganz unterschiedliche und selbst die härtesten Verbin­dungen im Holz zu spalten. «Ein Baum­stamm enthält eine hoch­komplexe Polymer­mischung mit Zellulosen, Lignin, Harzen oder Aromaten – und am Ende haben Mikroben alles zerlegt und umgebaut», sagt Blank.

Lars Blank ist Leiter des Lehr­stuhls für Angewandte Mikro­biologie an der RWTH Aachen und Mit­glied des fünf­köpfigen Kernteams im WSS-Forschungs­zentrum catalaix. Sein Forschungs­gebiet ist der mikro­bielle Stoff­wechsel. Er untersucht, verbessert und entwickelt Mikro­organismen, die ver­schieden­ste Substrate ab­bauen und daraus neue Moleküle herstellen können. Genau dies sollen sie im Rahmen von catalaix auch mit Kunst­stoffen tun.

Enzym aus dem Komposthaufen

Vom Menschen geschaffene Kunst­stoffe sind genauso Poly­mere, wie die Zellulose – also ketten­förmige Moleküle aus kleineren Ein­heiten, den Monomeren. Mit dem Unter­schied allerdings, dass sich Mikroben nicht über Jahrmillionen der Evolution auf ihren Abbau speziali­sieren konnten. Trotzdem hat die Forschung in den letzten Jahren gezeigt, dass manche vom Menschen herge­stellte Kunst­stoff-Polymere von Mikroben-Enzymen gespalten und verstoff­wechselt werden können.

Lars Blank lässt an seinem Bildschirm als Beispiel ein kurzes Video laufen: In einem Glas­be­hälter macht eine trans­parente Schachtel einige bizarre Verrenkungen, beginnt kleiner und kleiner zu werden und verschwindet schliesslich ganz. «Das ist eine Himbeer­verpackung in einem Enzym­reaktor», sagt Blank. Ein Stück PET, einer der meistverwendeten Kunststoffe, wird hier bei 65 Grad mittels einer enzymatischen Hydrolyse abgebaut. Das Enzym stammt aus einem Kompost und ist an solche Temperaturen angepasst.

Allerdings findet man ein solches Enzym nicht einfach mit einem Griff in den Kompost­haufen. «Bis zur Abbau­aktivität, die wir hier sehen, brauchte es 20 Jahre Forschungs­arbeit», erklärt Blank. Es handelt sich um ein speziell effizientes Enzym, das Forschende aus Leipzig nach jahre­langer Suche entdeckten. Das Leipziger Team isolierte die Enzyme, brachte sie in ein geeignetes Träger­bakterium und verbesserte sie. Zum Beispiel mit dem Prinzip der «gerichteten Evolution». Dabei werden in den Enzym-Genen zufäl­lige Mutationen erzeugt und auf ihre Abbau­aktivität getestet. Die besten dienen als Basis für neue Mutationen, die wiederum getestet werden. Und so weiter.

Den Beitrag, den seine Mikroben im catalaix-Projekt leisten können, sieht Lars Blank allerdings weniger im Abbau eines einzelnen Polymers wie PET. Sondern, wie im Fall der Holz­zer­legung, bei Mischungen. «Unsere Nische», sagt er bescheiden, «liegt bei Stoff­gemischen, die dem Chemiker keinen Spass machen, weil sie zu komplex sind, um sie effizient und günstig zu hochreinen Molekülen abzubauen.» Und es gehe nicht bloss ums Zerlegen, sondern darum, neue, wertvolle Stoffe zu produzieren – eine Art Upcycling.

Vier Moleküle auf einen Streich

Ein Beispiel dafür hat Blank mit seinem Team kürzlich in einer Fachzeit­schrift publiziert. Wiederum diente PET als Ausgangs­material. Die Forschenden entwickelten einen zweistufigen Prozess, um daraus mithilfe von Enzymen und gen­technisch veränderten Bakterien wertvolle neue Stoffe herzustellen. Im ersten Schritt bauten sie das PET mit einem Polyester­hydrolase-Enzym in seine beiden Ausgangs­moleküle Ethylen­glykol und Terephthal­säure ab. Für den zweiten Schritt präpa­rierten sie Bakterien der Art Pseudomonas putida gen­technisch so, dass sie diese beiden Moleküle gleichzeitig aufnehmen und verwerten können.

Sie «bauten» drei Versionen des Bakteriums: Die erste produzierte Cyanophycin, ein Biopolymer, das zum Beispiel für die Medizin oder die Land­wirt­schaft interessant sein könnte. Das zweite Bakterium machte aus den beiden Ausgangs­molekülen eine Substanz mit der Abkürzung HAA, das dritte sogenannte Rhamnolipide. Beide Stoffe sind oberflächen­aktive Substanzen, die zum Beispiel in Reinigungs­mitteln zum Einsatz kommen könnten.

Damit nicht genug: In einem anderen Experiment zeigte Blanks Team, dass es sogar in der Lage ist, einem Bakterium vier Monomere gleichzeitig zu verfüttern. Dafür verwendeten die Forschenden die vier Bestand­teile einer PBAT/PET-Mischung: Ethylenglykol, Tereph­thal­säure, 1,4-Butandiol und Adipinsäure. «Nachdem wir alle vier Stoffwechselwege in ein Bakterium eingebracht hatten, konnten wir zeigen, dass es gut wächst – und die vier Monomere mehr oder weniger gleich­zeitig aufnimmt», erzählt Blank.

Als nächsten Schritt brachten die Forschenden ihre Mikroben dazu, aus diesen vier Plastik­bestandteilen ein einziges neues Produkt herzustellen. «Dafür pflanzten wir dem Bakterium einen synthetischen Stoff­wechselweg aus einem anderen Organismus ein», erzählt Blank. Das entstehende Molekül war – je nach verwendetem Stoffwechsel-Gen – eine Hydroxy­fett­säure mit zehn oder mit 14 Kohlen­stoff­atomen.

Weitere biologische Ansätze

Mit mikrobiellen Enzymen und biologischen Molekülen befassen sich auch weitere Forschungs­teams in catalaix: Die Gruppe von Lars Lauterbach etwa arbeitet unter anderem an mikrobiellen Methoden, um direkt aus CO2 und Grünem Wasserstoff wertvolle Chemikalien herzustellen. Die Forschungs­gruppe von Jørgen Magnus ist auf die Bio­verfahrens­technik spezialisiert. Sie untersucht, wie sich mikro­biologische Verfahren hochskalieren lassen. Wie sie also im grösseren Massstab, bis hin zu Fermentern, möglich werden. Die Gruppe von Ulrich Schwaneberg schliesslich entwickelt sogenannte Bindepeptide. Dabei handelt es sich um Proteine, die auf Oberflächen haften bleiben. Solche Moleküle sind ein äusserst interessanter Ansatz für neuartige Trenntechniken: Mit verschiedenen bindungs­spezifischen Peptiden könnten sich dereinst die unter­schiedlichen Kunststoff­sorten in einem Abfallgemisch (siehe Artikel: Was in der Sortieranlage übrigbleibt) markieren und einfacher trennen lassen.

«Wir können also lang­lebige Kunst­stoffe wie Polyester enzymatisch in verschiedene Monomere zerlegen, damit Mikroben ernähren und sie daraus hoch­wertige Stoffe produzieren lassen», sagt Blank. Mit solchen Beispielen könne die Mikrobiologie die Chemie in catalaix unterstützen. «Für Chemiker ist es eine grosse Herausforderung, komplett unter­schiedliche Moleküle wie ein Aromat, ein Diol und Carbonsäuren in ein einziges neues Molekül zu verwandeln. Wir schaffen es.»

Wichtig, das ist die catalaix-Devise, ist stets eine inter­disziplinäre Zusammen­arbeit: Als Beispiel könnte die Chemie erste Abbau­schritte vornehmen und die ent­stehenden Mole­küle an die Mikro­biologie über­geben. Diese verfüttert sie an Mikro­organismen und stellt neue Produkte her. Diese gehen nach einer Trennung durch die Verfahrens­techniker zurück in die Chemie-Labors, wo sie als Ausgangs­materialien für neue Kunststoffe dienen.

Wie genau die Zusammen­arbeit und die einzelnen Schritte aussehen, hängt von den jeweiligen Kunststoffen ab. «Es braucht unterschiedliche Verarbeitungs-Kaskaden für unter­schiedliche Kunst­stoffe», sagt Lars Blank. «Aber letztlich ist unser Ziel, dass wir durch eine Zusammen­arbeit zwischen den verschiedenen Disziplinen den Kohlen­stoff aus den Kunst­stoffen im Kreis halten.»

Ran an die realen Ströme!

Der Weg zu diesem Ziel ist lang und steinig. «Momentan», sagt Blank, «kaufen wir die Monomere für unsere Experimente im Chemie-Katalog oder nehmen Produkte unserer Chemie-Kolleginnen und -kollegen, die aber ebenfalls reine Ausgangsmaterialien benutzt haben.» Reale Stoffströme hingegen sind selten rein: Viele Kunststoffabfälle werden wild durcheinander­gemischt, an Verpackungen kleben Essensreste, Plastik­spielzeug trägt einen Farbüberzug. «Wir müssen näher an solche realen Bedingungen kommen», sagt Blank.

So untersucht seine Arbeitsgruppe momentan, wie Mikroben mit sogenannten Additiven umgehen könnten. Diese Zusätze verleihen vielen Kunststoffen wertvolle Eigenschaften: Verstärkungsstoffe erhöhen die Festigkeit eines Plastiks, Gleitmittel verbessern seine Verarbeitbarkeit, Flammschutzmittel verringern die Brenn­barkeit, Stabilisatoren schützen vor Wärme oder Licht.

Bei vielen Plastikprodukten allerdings wissen nur die Her­steller selbst, welche Additive in welchen Mengen enthalten sind. Das macht Unter­suchungen langwierig und schwierig. Blank hofft, dass ein Industrie­partner für einige seiner Produkte bald Licht ins Dunkel bringt und den Forschenden eine Liste von Additiven zur Verfügung stellt. Das Beispiel zeigt: Um die Kunststoffindustrie nachhaltiger zu machen, muss an vielen Schräubchen gedreht werden. Doch das Forschungszentrum catalaix verfügt zweifellos über die Werkzeuge, um diese Arbeit in Angriff zu nehmen.