Was sagen die Zahlen? Grit Walther (links) und Kathrin Greiff bewerten und modellieren Stoffströme. Ihre Resultate helfen bei der Entscheidung, auf welche Kunststoffsektoren catalaix das Hauptaugenmerk richten soll.

Adlerblick auf den Kunst­stoff­sektor

Für manche Kunststoffe lohnt es sich eher, katalytische Recycling­verfahren zu entwickeln, als für andere. Im WSS-For­schungs­zentrum catalaix identi­fiziert der Arbeits­bereich «System­bewertung» unter der Leitung von Grit Walther mögliche Anwendungs­felder. 

Die Welt des Plastiks ist vielfältig – und ziemlich unüber­sichtlich. Es existieren Hunderte Kunst­stoff-Typen für Tausende von Anwendungen, die in Millionen von Produkten stecken. Entsprechend schwierig sind auch die Wege zu verfolgen, auf denen Kunst­stoffe nach dem Ende ihrer Lebens­dauer entsorgt oder rezykliert werden. Diese Abfall- und Recycling-Ströme zu analysieren und zu modellieren ist die Aufgabe des Arbeits­bereichs «System­bewertung» im WSS-Forschungs­zentrum catalaix.

Geleitet wird der Bereich von Grit Walther, Leiterin des Lehrstuhls für Operations Management an der RWTH Aachen und Mitglied des fünf­köpfigen catalaix-Kern­teams. «Wir sind im Endeffekt so etwas wie ein Frühwarn- oder Transparenz­system innerhalb des Forschungs­zentrums», sagt sie. «Unsere Aufgabe ist es, eine Gesamt­sicht über die Heraus­forderungen im Kunststoff­sektor entlang der gesamten Werts­chöpfungs­kette zu erarbeiten – und den chemisch-naturwissen­schaftlich arbeitenden Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen.» Nur mit diesem Wissen lässt sich entscheiden, welche Techno­logien vielver­sprechend sind und welche Forschungs­richtungen wirtschaft­liche Chancen haben.

In einem ersten Schritt verschaffen sich die Forschenden einen Über­blick über das aktuelle Kunst­stoffrecycling-System. Sie haben dazu beispiels­weise Material­fluss-Analysen im Bundes­land Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Anhand statistischer Daten aus dem Industrie-, dem Automobil-, dem Bau- oder dem Verpackungs­sektor unter­suchten sie, wie viele Kunst­stoffe in diese Verarbeitungs­zweige fliessen – und wie viele davon an ihrem Lebens­ende verbrannt oder rezykliert werden. «Wir sehen, dass momentan noch sehr wenige Kunststoffe im Kreis­lauf geführt werden», fasst Grit Walther zusammen.

Modelle und Bewertungen

Bereits solche Material­fluss-Analysen sind äusserst komplex, zumal Kunst­stoffe global gehandelt werden. Doch sie reichen nicht. Darauf aufbauend führt das Team Techno­logie- und Nach­haltig­keits­bewertungen durch. Welche Recycling-Tech­niken sind für welche Kunst­stoffe erfolg­versprechend? Wie kann die Wert­schöpfungs­kette für einen neu entwickelten Katalyse­prozess aussehen? Wie viel Energie und Ressourcen sind notwendig, um ihn industriell einzu­setzen? Sind neue Vorgaben der Politik zu erwarten? Das sind Fragen, welche die Chemikerinnen und Chemiker im Forschungs­zentrum interessieren.

Solche Bewertungen seien enorm anspruchs­voll, sagt Grit Walther. «Wir müssen uns dafür auf verschiedenen Ebenen bewegen – von global bis molekular.» So spielt der weltweite Rohölpreis eine entscheidende Rolle für die wirtschaft­liche Attrak­tivität von Kunst­stoff­recycling. Gleich­zeitig hängt die Machbarkeit eines geplanten Katalyseprozesses nicht nur vom Kunst­stoff­typ ab, sondern auch von der Qualität des Abfall­stroms – ob das Ausgangs­material beispiels­weise stark verun­reinigt ist oder ob es störende Zusatz­stoffe enthält.

Eine konkrete Modellierung hat Grit Walthers Team am Beispiel von Expan­diertem Poly­styrol (EPS) durchgeführt. Dieser Schaum­stoff, bekannt unter dem Marken­namen «Styropor», ist ein guter Isolator. EPS wurde Mitte des letzten Jahr­hunderts entwickelt und wird in vielen Wohn­häusern zur Dämmung von Böden, Dächern, Wänden und Fassaden eingesetzt. «Es hat eine entsprechend lange Lebens­dauer», sagt Grit Walther. «Deshalb werden wir erst jetzt, wegen der Sanierung oder dem Abriss von Häusern, mit der Ent­sorgung dieses Materials konfrontiert.»

Ein komplexer Materialstrom

Heute wird altes EPS aus Wärme­dämm­verbund­systemen in der Regel verbrannt. «Die Kapazitäten deutscher Müll­verbrennungs­anlagen für dieses Material sind aber begrenzt; es hat einen derart hohen Heizwert, dass die Anlagen grössere Mengen nicht zeitgerecht verarbeiten können», sagt Walther. Engpässe sind deshalb programmiert. Eine Studie, die von Walthers Doktorandin Julia Schleier geleitet wurde, kommt zum Schluss, dass im Jahr 2040 deutschlandweit ungefähr 300’000 Tonnen EPS-Altmaterial aus Wärme­dämm­verbund­systemen anfallen könnten – rund zehn Mal mehr als 2020. Ein klarer Fall also für eine Kreislauflösung? So einfach ist es nicht: Denn EPS aus Wärme­dämm­verbund­systemen ist ein «komplexer Stoff­strom», wie Grit Walther es ausdrückt. Ältere Dämmplatten enthalten – heute verbotene – bromierte Flamm­schutz­mittel, die entfernt werden müssen. Auch sonst sind es keine reinen Stoffe: Beim Abschälen von der Fassade bleibt beispielsweise Putz am EPS kleben, was auch ein mechanisches Recycling dieses Stoffstroms erschwert.

Zudem ist der Schaum­stoff sehr leicht, hat grosse Volumina und fällt unregel­mässig verteilt auf Bau­stellen in ganz Deutschland an. «Das ist logistisch heraus­fordernd, man will nicht viel Luft und wenig Gewicht auf Last­kraft­wagen Hunderte Kilometer weit herum­trans­portieren», sagt Grit Walther. Deshalb, und um die nötige Reinheit des Input­stroms zu gewähr­leisten, braucht es eine Vorbehandlung, bevor die Dämm­platten zu einer Recycling­anlage gebracht werden: Putz­reste müssen entfernt, das EPS aufgereinigt und zusammen­gepresst werden.

Zwei Verfahren verglichen

Walther und Schleier modellierten nun, wie ein funktio­nieren­des Recycling-Netz­werk mitsamt Vorbe­handlungs­anlagen aufgebaut sein müsste. Dabei zogen sie zwei neue Verfahren in Betracht, die in Pilot­anlagen und tech­nischen Unter­suchungen ein Poten­zial für die Verwer­tung von EPS zeigen. Das erste ist eine Pyrolyse, bei der EPS unter Sauerstoff­ausschluss erhitzt wird, um es in seine Bestand­teile zu zerlegen. Das zweite ist ein Verfahren, bei dem der Kunst­stoff mithilfe von Lösungs­mitteln aufgelöst und anschliessend gereinigt wird.

Die derzeit in der Industrie diskutierten Pyrolyseverfahren liefern nur eine vergleichsweise geringe Material­ausbeute. Beim lösungs­mittel­basierten Recycling kann ein deutlich höherer Anteil zurück­gewonnen werden. Zudem lassen sich auch Bestand­teile der bromhaltigen Flammschutz­mittel entfernen.

Allerdings ist die Pyrolyse das weniger spezifische Verfahren, man könnte solche Anlagen vielleicht auch für andere Stoffströme verwenden. Das macht den Aufbau eines Pyrolyse-basierten Netzwerks günstiger. Tatsächlich fanden die Forschenden, dass sich die Investition in lösungs­mittel­basierte Verfahren nur dann lohnt, wenn in Zukunft mehr als 50 Prozent des anfallenden EPS aus Verbund-Wärme­dämm­systemen diesem Recycling zugeführt werden.

Die Forschenden erstellten ein Standort­modell für ein deutschland­weites Recycling-Netz­werk, das aus System­sicht in der Lage wäre, mit den erwarteten EPS-Stoff­strömen aus Wärme­dämm­verbund­systemen der Zukunft umzugehen. Für die Abschätzung des Behandlungs­bedarfs berück­sichtigten sie beispiels­weise das Alter und die voraus­sichtliche Lebens­dauer von Gebäuden in bestimmten Regionen. Auch die Kosten für unter­schiedliche Transport­strecken flossen in die Analyse ein. So entstand ein Modell, das bis zum Jahr 2040 ein Netz­werk von Recycling­anlagen an mehreren Standorten sowie zahlreiche Vorbereitungs­anlagen vorsieht. Den dafür nötigen Investitions­bedarf schätzen die Forschen­den als hoch ein – ohne politische Anreize sei das Recycling wirt­schaftlich schwierig.

Je weiter ein Modell in die Zukunft reicht, desto grösser die Unwägbar­keiten. Deshalb haben die Forschenden in einem nächsten Schritt auch analysiert, wo die grössten Unsicher­heiten im System liegen. Einige, so das Resultat, liegen in der Politik: Wird das Recycling von EPS aus Wärme­dämm­verbund­systemen obligatorisch? Gibt es neue Dämm­vor­schriften für Gebäude? Wird die Pyrolyse als materielles Recycling anerkannt? Die Antworten auf solche Fragen sind entscheidend dafür, ob und wie ein Recycling-Netzwerk funktions­fähig und rentabel wird.

Die besten Anwendungsfelder suchen

Unsicher sind aber auch die Märkte – und die Technologie-Entwicklung. In Letzterer liegen aber auch Chancen, bei denen die inter­diszipli­näre Zusammen­arbeit im WSS-Forschungs­zentrum catalaix ins Spiel kommt: Denn vielleicht gibt es noch ganz andere, effizien­tere Recycling-Ideen für Dämm­materialien wie EPS? Methoden, die ein Recycling-Netz­werk plötzlich wirtschaft­lich machen?

Genau solche Ideen würden im catalaix-Verbund momentan intensiv diskutiert, sagt Grit Walther. «Ob wir am Ende zum Schluss kommen, dass gerade die Suche nach einer kataly­tischen Lösung für EPS besonders aussichts­reich ist, muss sich erst zeigen. Wir suchen gemeinsam in der ganzen Breite Anwendungs­felder, in denen das Team der System­ebene Materialien identi­fiziert hat, die bisher unbe­handelt sind, aber von denen in Zukunft grosse Massen anfallen werden.»

Man könnte es so sagen: Grit Walther und ihre Kolleginnen und Kollegen des System­bewertungs-Bereichs halten den Kompass in der Hand, dank dem sich die Chemikerinnen und Chemiker im Dschungel all der verschiedenen Kunst­stoffe orientieren können.