Matthew Smith (links) und sein Team in Bonn schauen auf ein Tablet
Matthew Smith (links) und sein Team in Bonn untersuchen, wie Menschen digitalen Systemen vertrauen.

Überwachung mit Augenmass

Die digitalen Überwachungsmöglichkeiten sind heute enorm. Sie erleichtern die Suche nach Straftätern, sind aber auch eine Gefahr für die Privatsphäre. Wie Menschen zwischen diesen Vor- und Nachteilen abwägen, zeigt eine Studie des Teams um Matthew Smith vom Zentrum für digitales Vertrauen.

Überwachung ist überall – analog und digital: Videokameras filmen an Flughäfen, in Innenstädten oder in Parkanlagen. Smartphones erfassen das Surfverhalten und die Kommunikation von Nutzern. Die Polizei setzt auf Überwachung, um Verbrecher aufzuspüren oder Risikoprofile zu erstellen. Gerade digitale Überwachungsmöglichkeiten werden immer breiter – und die Datennutzung der Behörden nimmt zu.

Wie nimmt die Bevölkerung diese Entwicklung wahr? Wann wird Überwachung als Eingriff in die Privatsphäre empfunden? Zu welchen Massnahmen gibt es Zustimmung? Das sind zentrale Fragen im Zentrum für digitales Vertrauen der ETH Zürich und der Universität Bonn. Denn, sagt Matthew Smith, Professor für Informatik an der Universität Bonn und am Fraunhofer--Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Bonn, letztlich gehe es darum, digitale Systeme so zu bauen, dass Menschen Vertrauen in sie hätten – und haben könnten.

Smith und seine Mitarbeiterinnen Lisa Geierhaas und Charlotte Mädler haben im vergangenen Jahr eine Studie durchgeführt, die solche Vertrauensfragen im Zusammenhang mit digitaler und physischer Überwachung untersuchte. Die Befragung fand Ende Mai und Anfang Juni bei rund 1000 Personen in den USA statt. Einen Fokus legten die Forschenden auf die Frage, wie gross aus Sicht der Befragten der Eingriff in die Privatsphäre durch bestimmte Überwachungsmethoden ist.

Vertrauen ist zentral

Es zeigte sich, dass die Befragten digitale und physische Überwachungsmethoden als ungefähr gleich invasiv wahrnehmen. Eine grosse Mehrheit glaubt, dass sich mit digitalen Methoden mehr Informationen beschaffen lassen. Rund 83 Prozent gehen davon aus, dass die digitale Überwachung missbraucht wird. Bei physischen Methoden beträgt der Anteil 69 Prozent.

Ein wichtiges, und erwartetes, Ergebnis war, dass Menschen Überwachungsmassnahmen vor allem dann akzeptieren, wenn diese dazu dienen, Straftaten zu verhindern oder Menschen zu schützen – zum Beispiel vor Terrorismus oder Kindesmissbrauch. «Es handelt sich um deutliche, aber nicht um einstimmige Mehrheiten», sagt Matthew Smith. Wer ablehnt, tut dies nicht, weil er es nicht für wichtig hält, die Straftäter zu fassen. Sondern weil er die Effektivität bezweifelt und Missbräuche bei der Überwachung befürchtet.

Wer also dem System oder den Menschen dahinter misstraut, lehnt Überwachungsmethoden selbst dann ab, wenn sie einem unbestrittenen Zweck dienen. «Vertrauen ist also zentral», sagt Matthew Smith. Momentan seien aber gerade digitale Methoden undurchsichtig und wenig zielgerichtet. «Eine physische Hausdurchsuchung führt die Polizei meist sehr zielgerichtet und öffentlich durch. Die Verhältnismässigkeit der Mittel kann überprüft und moniert werden. Die Überwachung digitaler Systeme hingegen kann praktisch unbemerkt passieren. Das schürt Misstrauen.»

Verhältnismässigkeit wahren

Gegen das Misstrauen helfen könnten beispielsweise digitale Überwachungsmethoden, die stufenweise vorgehen und frühzeitig erkennen, welche Daten sie erheben müssen, um eine Straftat aufzuklären – und die nachweisbar nicht mehr machen. «Wir müssen Systeme finden, welche die Verhältnismässigkeit wahren und akzeptiert werden», sagt Smith.

Letzteres ist gar nicht so einfach: Die Studie fand kontroverse und differenzierte Ansichten, aber auch Unsicherheiten und Widersprüchliches. So glauben die meisten Befragten, digitale Massnahmen seien häufig – und würden auch missbraucht. Aber nur 15 Prozent befürchten, sie selber könnten überwacht werden. Und viele wählten jeweils die erste im Fragebogen vorgeschlagene Antwort deutlich häufiger als die zweite. Solche Muster kämen auch bei Wahlen vor, sagt Smith, sie deuteten darauf hin, dass Meinungen nicht sehr gefestigt seien.

Gefiltert oder überlagert werden die Haltungen durch politische Ansichten. Die Parteizugehörigkeit hat einen enormen Einfluss. Wer die Regierung unterstützt, hält deutlich mehr Überwachungsmassnahmen für notwendig, wer sie ablehnt, spricht sich viel öfter kritisch aus. «Ohne Vertrauen in der realen Welt gibt es kein Vertrauen in der digitalen Welt», sagt Smith.

Wie also lässt sich Vertrauen der realen Welt in die digitale Welt übertragen? Neue, geeignete digitale Tools seien das eine, sagt Smith. Das andere sei eine offenere Kommunikation. Oft weigern sich Behörden, Details zu Überwachungsmassnahmen preiszugeben – mit der Begründung, das gefährde deren Effizienz. «Das stimmt natürlich zum Teil», sagt Smith. «Aber Transparenz könnte das Vertrauen in diese umstrittenen Methoden stärken. Ich glaube, Behörden würden sich einen Gefallen tun, wenn sie mit etwas offeneren Karten spielen würden.»