Antibiotika-Archiv in den Zähnen

Zahnstein ist ein Archiv der Menschheits­geschichte. Ein Team des WSS-Projekts Paläobio­techno­logie hat nun darin mithilfe einer eigens entwickelten Analyse­plattform antimikrobielle Moleküle identi­fiziert, ihre Evolution dokumentiert – und erstmals ein solches potentielles Anti­biotikum erzeugt und seine Wirksam­keit getestet.

Der menschliche Mund ist ein komplexes Ökos­ystem. Hunderte von Bak­te­rien­arten leben dort, konkur­rieren mit­einander und halten sich gegen­seitig im Gleich­gewicht. Eine zentrale Rolle spielen dabei soge­nannte antimikro­bielle Peptide (AMPs) – kleine Eiweiss­moleküle, mit denen Bakte­rien andere Mikro­organismen bekämpfen. Es sind natür­liche Anti­biotika. Genau solche Mole­küle stehen im Mittel­punkt des Forschungs­projekts Paläo­bio­techno­logie in Jena, das die Werner Siemens-Stiftung (WSS) seit sechs Jahren unterstützt.

Das Forschungs­team um den Chemiker Pierre Stallforth und die Archäo­genetikerin Christina Warinner hat sich zum Ziel gesetzt, antibiotisch wirkende Stoffe aus früh­zeitlichen Skelett­funden wieder herzustellen, um daraus Medi­kamente gegen resistente Keime zu entwickeln. Die Forschen­den nutzen dafür die Tatsache, dass das Erbgut von Bakterien im Zahn­stein besonders gut konser­viert ist. In einer viel beachteten Studie im Fach­magazin «Science» zeigten sie vor drei Jahren erstmals auf, dass es möglich ist, aus dem Zahn­stein von Früh­menschen Natur­stoffe herzu­stellen, die vor 100‘000 Jahren von Bakterien produziert worden waren.

Seither hat das Team riesige Fort­schritte gemacht, wie eine kürzlich publizierte Studie im Fach­magazin «Journal of the American Chemical Society» (JACS)* belegt: Die Forschen­den nutzten eine von ihnen entwickelte Bio­informatik-­Pipeline, um antimikro­bielle Peptide direkt und auto­matisiert aus dem bakteriellen Erbgut im Zahn­stein von Früh­menschen zu identi­fizieren. Und es gelang ihnen erstmals, uralte Mole­küle zu rekon­struieren, die antimikro­bielle Eigen­schaften aufweisen.

Systematische Suche in Datenbergen

Die Forschen­den analysierten für die Studie die DNA aus über 100 Zahn­stein­proben ver­schie­dener Epochen: von heutigen Mens­chen, aus archäo­logischen Funden von Men­schen und Neander­talern – und sogar von Schim­pansen, Gorillas und Brüll­affen. Die älte­sten unter­suchten Proben waren über 100‘000 Jahre alt. In solch riesigen Erbgut-­Daten­mengen die Gen­sequen­zen anti­mikro­bieller Peptide zu finden, ist aller­dings kompli­ziert. Milli­onen möglicher Kandi­daten verstecken sich in den Genomen. «Heute existierende Identi­fizierungs-Tools weisen meist zu viele falsch-­positive und falsch-­negative Ergeb­nisse auf», sagt Pierre Stallforth.

Um dieses Problem zu lösen, ent­wickelte das Forschungs­team ein neues Analyse­werkzeug namens AMPcombi. Es kombiniert sechs bestehende Tools, gleicht ihre Ergeb­nisse ab und filtert auto­matisiert die wahr­schein­lichsten anti­mikro­biellen Peptide heraus. Der Filter­prozess stellt sicher, dass die Kandidaten­sequenzen die Kriterien erfüllen, von denen man weiss, dass sie für wirk­same antimikro­bielle Eigen­schaften erforder­lich sind. Bei alten Gen­sequenzen analy­siert das Pro­gramm zudem, ob sie auch wirk­lich Anzeichen für bestimmte DNA-­Schäden auf­weisen, von denen bekannt ist, dass sie im Laufe der Zeit auftreten.

Eine solche früh­zeitige Eliminierung von «Fehl­alarmen» ist laut Christina Warinner sehr wichtig. «Falsch-­positive Ergeb­nisse verlang­samen die For­schung und erhöhen die Labor­kosten erheblich», sagt sie. AMPcombi be­schleu­nige die Ent­deckung anti­mikro­bieller Pep­tide deutlich. Die For­schen­den fil­terten damit Milli­onen mög­licher Kandi­daten syste­matisch und ord­neten sie ein. «Wir konnten uns viel schnel­ler und effi­zien­ter auf die viel­ver­sprechend­sten AMP-Kandi­daten konzen­trieren, die im Labor getestet werden sollten», sagt Warinner.

Uralte Wirkstoffe neu erzeugt

Letztlich identi­fizierten die Forschen­den auf diese Weise 78 Gen-­Cluster mit insgesamt 1669 mutmass­lichen anti­mikro­biellen Peptiden. Die über­wälti­gende Mehr­heit liess sich einer Bakter­ien-­Gattung namens Actinomyces zuordnen. Diese Mikro­organis­men gehören seit mindes­tens 40 Millionen Jahren zum Kern­bestand­teil der Mund­flora und spielen eine zentrale Rolle bei der Bildung von Zahn­belag. Die anti­mikro­biellen Peptide, die sie produ­zieren, werden «Actifensine» genannt.

Die Forschen­den verglichen die Struk­turen und gene­tischen Vari­anten dieser Acti­fensine, wobei sie unter­schieden zwischen «paleo-­Actifensinen» aus sehr alten Proben und «moder­nen Acti­fensinen» aus jüngerer Zeit. Es zeigte sich ein faszi­nieren­des Muster: Manche dieser Moleküle sind über Zehn­tausende von Jahren hinweg nahezu unver­ändert geblieben. Andere haben sich deutlich verändert – offenbar passten sie im Lauf der Zeit ihre Wirkung neuen Bedin­gungen im Mund­raum und neuen mikro­biellen Konkur­renten an. «Es ist das erste Mal, dass jemand die Entwicklung eines anti­mikro­biellen Mittels im Laufe der mensch­lichen Evolution direkt dokumen­tieren konnte», sagt Christina Warinner.

Um zu prüfen, ob diese evolu­tionären Verände­rungen auch funktio­nelle Folgen haben, stellten die For­schen­den einige Acti­fensine mit bio­techno­logischen Methoden her und teste­ten sie im Labor. Tat­säch­lich wiesen diese Acti­fensine anti­mikro­bielle Eigen­schaften auf. «Es zeigte sich, dass moderne Acti­fensine andere Akti­vitäts­spektren haben als ihre uralten Vor­läufer», erklärt Pierre Stallforth. Auch dies ist ein Novum für die For­schung: Erstmals gelang es, anti­mikro­bielle Peptide aus dem Zahn­stein von Früh­menschen quasi zum Leben zu er­wecken und ihre Wirk­sam­keit nachzu­weisen. «Welche konkreten Bakte­rien die Haupt­ziele dieser ur­alten Wirk­stoffe sind, wissen wir aller­dings noch nicht», sagt Christina Warinner.

Evolution des Mund-Mikrobioms

Die Studie eröffnet einen mög­lichen Weg zur Bekämp­fung einer der grössten medi­zinischen Heraus­forderungen unserer Zeit: der Anti­bio­tika­resisten­zen. Immer mehr Bakte­rien sind gegen gängige Medi­kamente un­em­pfindlich, neue Wirk­stoffe werden kaum entwickelt. Anti­mikro­bielle Peptide könnten eine Alter­native dar­stellen. Einer ihrer Vorteile sei, dass sie leicht zu modi­fizieren seien, sagt Pierre Stallforth. Das würde die Ent­wicklung neuer Vari­anten verein­fachen, um Resis­tenzen zu umgehen. Ausser­dem weiss man, dass viele anti­mikro­bielle Peptide die bakteri­elle Zell­wand oder Zell­membran angreifen. «Ihre Wirkungs­weise erfordert es möglicher­weise, dass Bakte­rien grosse Verände­rungen vor­nehmen müssten, um Resis­tenzen zu er­zeugen», sagt Stallforth.

Die aktuelle Arbeit des Paläo­biotech-Teams ist aber auch eine Reise in die Vergangen­heit: Um antimikrobielle Peptide best­möglich zu nutzen, sei ein Verständ­nis ihrer Evolu­tion ent­schei­dend, sagt Pierre Stallforth. «Wenn wir ver­stehen, wie sich diese Mole­küle auf die orale Mikrobengemeinschaft aus­wirken, können wir allge­meine Grund­sätze ab­leiten, die uns möglicher­weise uner­wartete Hin­weise darauf geben, wie wir anti­mikro­bielle Peptide am besten verwenden.»

Nicht zuletzt ver­deut­licht die Studie laut den beiden Forschen­den, wie wich­tig eine enge Zusammen­arbeit ver­schiedener For­schungs­zweige ist, um die Wissen­schaft voran­zu­bringen. «Der Erfolg dieser Arbeit beruht auf dem engen Aus­tausch zwischen Bio­infor­matikern und Wissen­schaftlern im Labor», sagt Pierre Stallforth. Und Christina Warinner ergänzt: «Das ist die Art von Forschungs­ergebnis­sen und Fort­schritten, die nur möglich sind, wenn inter­diszi­plinäre Teams täglich eng zusammen­arbeiten.»

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