In der Mongolei nutzen Nomaden die Milch von Trampeltieren. Christina Warinner (links) sucht darin nach ursprünglichen Mikroben.

Milchbakterien und chemische Radars

Das Projekt Paläo­biotechno­logie geht bei seiner Suche nach Wirk­stoffen aus der Urzeit immer syste­matischer vor. Ent­sprechend viele Fort­schritte und Ent­deckungen sind dem Team in Jena im vergan­genen Jahr gelungen.

Wer mit Christina Warinner und Pierre Stallforth spricht, merkt sofort: Das Projekt Paläo­biotechno­logie in Jena, das die beiden leiten, ist fast schon lawinen­artig ins Rollen gekommen. Fort­schritte, neu einge­reichte Arbeiten, Auszeichnungen, wichtige Ereignisse: Die Neuig­keiten sprudeln aus den beiden nur so heraus.

So stehen einige Forschungs­vorhaben kurz vor der Publikation, in denen Arbeit mehrerer Jahre steckt: Dem Team ist es etwa erstmals gelungen, ein Molekül aus der Urzeit wieder­herzu­stellen, das eine antimikro­bielle Wirkung hat. Viel mehr könne sie noch nicht verraten, weil sich die Publi­kation noch im Begut­achtungs­prozess befinde, sagt Christina Warinner. «Aber wir haben nachge­wiesen, dass es möglich ist, antibio­tische Wirk­stoffe aus prähisto­rischen Mikro­ben zu gewinnen.»

Gelungen ist dies nicht durch Zufall. Die Forschen­den haben Prozesse entwickelt, mit denen sie syste­matisch und auto­matisiert altes Erb­gut untersuchen und die vielver­sprechend­sten Kandi­daten heraus­filtern können. Und sie vergrös­sern den Daten­pool, aus dem sie schöpfen, rasch: So steht ein neuer Kata­log mikro­bieller Genome aus Zahn­stein kurz vor der Fertig­stellung. «Wir haben eine grosse Anzahl völlig neuer Mikroben entdeckt, deren Funktion wir nun zu verstehen versuchen», sagt Pierre Stallforth.

Milchbakterien in der Mongolei

Fahrt aufge­nommen hat ein weiterer Projektteil. Früh­zeit-Mikro­organismen lassen sich nämlich nicht nur finden, indem man ihr Erbgut in prähi­storischem Knochen oder Zahn­stein ent­schlüsselt. Man kann sie auch in Milch­produkten suchen. Menschen konsumieren seit über 9000 Jahren Milch, Butter, Käse, Quark oder Joghurt – und für viele Mikro­organismen ist Milch ein nahr­hafter Lebensraum.

Zudem spielen Mikro­ben eine ent­schei­dende Rolle bei der Herstel­lung vieler Milch­produkte – sie erlauben eine Fermen­tation, die Inhalts­stoffe umwandelt und halt­bar macht. «Alte, traditio­nelle Fermentations­bakterien finden sich jedoch nur noch an wenigen Orten auf der Welt», sagt Christina Warinner. «An den meisten Orten wurden sie durch verbesserte, standardi­sierte Stämme ersetzt.»

Ein Land mit besonders reich­haltiger Milch­verarbeitungs­tradition ist die Mongolei. Dort existiert die Milchwirt­schaft seit ungefähr 5000 Jahren und ist über die Zeit nahezu unver­ändert geblieben. Das Paläo­biotechno­logie-Team forscht seit langem in der Mongo­lei. Im vergangenen Jahr publizierten Warinner, Stallforth und dessen Dokto­randin Ina Wasmuth im Fach­magazin «Natural Product Reports» einen Übersichts­artikel zu mikro­biellen Molekülen in Milch und vor allem in mongo­lischen Milch­produkten.

Wettrüsten zwischen Mikroben

Eine weitere wichtige Studie erschien im renom­mierten Fach­magazin «Cell». Ein Team um Pierre Stallforth unter­suchte die Wechsel­beziehungen zwischen einem Bakte­rium, einer Amöbe und einer Pflanze­nart. Das Bakterium ist ein allgegenwärtiger Pflanzen­schädling, die Amöbe ein Fress­feind des Bakteriums. Aller­dings kann das Bakterium den Spiess umdrehen – mit­hilfe einer Art chemischen Radars. «Wir fanden eine Art kom­plexes Wett­rüsten mittels chemischer Moleküle», erzählt Pierre Stallforth.

Den ersten Schritt macht das Bakterium: Es scheidet Moleküle aus, die ihm eine schnellere Fort­bewegung ermög­lichen, für die Amöbe aber harmlos sind. Wenn die Amöbe mit dem Molekül in Kontakt kommt, verändert sie es chemisch. Das Bakte­rium besitzt ein spezielles Sensor­protein, das solche verän­derten Moleküle – und damit die Anwesen­heit von Amöben – erkennt. Und es wandelt sie in giftige Substan­zen um, welche die Amöbe abtöten. Das verschafft dem Bakterium die Möglich­keit, die Pflanze auch in Anwesenheit seines Fress­feindes zu infizieren.

Komplexe Wechsel­spiele wie dieses, die auf mikro­biellen Signal­molekülen beruhen, seien noch kaum unter­sucht, sagt Pierre Stallforth. «Ich bin über­zeugt, dass in den kommenden Jahren noch viele solche Bei­spiele beschrieben werden – und für ihren Nachweis sind unsere im WSS-Projekt ent­wickel­ten Tech­niken entscheidend.»

Solche Zusammen­hänge mikro­bieller Inter­aktionen erforscht das Exzellenz­cluster «Balance of the Microverse» in Jena. Es erhielt im Früh­jahr 2025 die Zusage für eine zweite, sieben­jährige und mit mehreren Dutzend Millionen Euro ausge­stattete Förder­periode. Die Forschungs­gruppen von Pierre Stallforth und Christina Warinner spielen darin eine Schlüssel­rolle.

Auch sonst erfährt die Paläo­biotechno­logie immer breitere wissen­schaft­liche Akzeptanz. So wurde Christina Warinner im Mai nach Stockholm eingeladen, um die Mikro­ben­forschung an einem Nobel-­Symposium zur Paläogenomik vorzu­stellen. Und sie erhielt den höchsten Preis in Anthro­pologie der US-Amerikanischen Gesell­schaft zur Förderung der Wissen­schaft (AAAS).