
Implantat vor dem Härtetest
In seinem letzten Förderjahr hat das Projekt «Smarte Implantate» noch einmal grosse Schritte gemacht. Das intelligente Implantat, das künftig den Heilungsprozess nach einem Knochenbruch anregen soll, ist bereit für den Prüfstand und für erste Tierversuche. Und die Saarländer Technik ist Teil eines neuen Grossprojekts mit EU-Förderung.
Von der Idee bis zum Implantat. Das war das Ziel, als das Projekt «Smarte Implantate» vor sieben Jahren seine Arbeit aufnahm. «Heute haben wir das erreicht», sagt Bergita Ganse, WSS-Stiftungsprofessorin für innovative Implantatentwicklung an der Universität des Saarlandes. Die Forschenden haben einen Demonstrator ihres Implantats gebaut, das dereinst einen gebrochenen Knochen nicht nur stabilisieren, sondern die Knochenheilung durch gezielte Mikrobewegungen aktiv stimulieren soll.
Und sie haben diesen Demonstrator in den letzten Monaten so weiterentwickelt und verfeinert, dass momentan Versuche im Prüfstand laufen und erste Experimente am Tier vorbereitet werden. Im Prüfstand werde das Implantat mitsamt Knochen eingespannt und über Tausende Belastungszyklen getestet, erklärt Bergita Ganse. «So können wir allfällige Schwachstellen des Implantats aufdecken – zum Beispiel, ob es auch nach längerer Belastung noch genau das misst, was wir wollen.»
Diese Tests laufen vor allem mit Schaf-Knochen. Denn die ersten Versuche am lebendigen Tier sind in Schafen geplant. Wann genau diese Studien starten können, ist noch nicht klar. «Tierversuche haben wegen der aufwändigen Beantragung eine lange Vorlaufzeit», sagt Ganse. «Aber es ist toll, dass wir so weit gekommen sind in dem Projekt.»
Deutliche Verbesserung erwartet
Und was kann das Implantat der Patientin oder dem Patienten bringen? Heute wird nach einem Schienbeinbruch eine Metallplatte auf den gebrochenen Knochen geschraubt, um ihn zu stabilisieren. Trotzdem wachsen die Knochen nicht immer gut zusammen, in bis zu jedem siebten Fall kommt es zu Komplikationen. Das neue, smarte Implantat liefert Informationen darüber, wie gut oder schlecht der Bruch verheilt und warnt vor Fehlbelastungen. Und falls die Heilung nicht optimal verläuft, reagiert es darauf.
Wirken beispielsweise zu starke Kräfte auf die Fraktur, versteift sich das Implantat und schont damit den Knochenbruch. Bewegt sich der Patient zu wenig, verformt es sich und wird flexibler, sodass der Knochen stärker belastet wird. Ein neuer Mechanismus kann sogar eine Massage der Bruchstelle bewirken. Sie erwarte, dass sich die Knochenheilung dank dieser Mikrobewegungen um ungefähr 20 Prozent beschleunigen lasse, sagt Bergita Ganse. «Allerdings würden wir neben dieser Massage des Frakturspalts gerne weitere Möglichkeiten zur Stimulation der Knochenheilung ausprobieren.»
In einer Literaturübersichtsarbeit stellte Ganse nämlich fest, dass auch Methoden wie Ultraschall-, Stosswellen-, Stromfluss- oder Magnetstimulation die Heilungszeit verkürzen könnten. Man wisse beispielsweise, dass Magnetfelder die Zellteilung stimulieren. «Ich vermute, dass wir mit einer Kombination aus Mikromassage und Magnetfeldstimulation die Heilung um ungefähr 35 Prozent beschleunigen könnten», sagt Ganse. Weil das Smarte-Implantate-Projekt Ende 2025 ausgelaufen ist, ist es allerdings nicht mehr möglich, solche Erweiterungen des Implantats im Rahmen der WSS-Förderung zu untersuchen.
Strahlungsfreie Messmethoden
Auch bei der Messung des Heilungsvorgangs hat Ganses Team im vergangenen Jahr eine wichtige Entdeckung gemacht. Heute wird ausschliesslich mittels Röntgen- und CT-Aufnahmen überwacht, wie gut ein Knochenbruch heilt. Diese Messungen setzen Patientinnen und Patienten einer Röntgenstrahlung aus und sollten deshalb nicht allzu häufig wiederholt werden.
In zwei Publikationen zeigten die Forschenden nun, dass sich die Frakturheilung auch mit handlichen, auf dem Markt erhältlichen Geräten überwachen lässt, die den Blutfluss oder die Sauerstoffsättigung an der Bruchstelle messen. Künftig könnte die Ärztin – oder sogar der Patient selber – einmal am Tag ein solches Messgerät an der Bruchstelle auf die Haut halten. Oder man baut die Methode gar in ein smartes Implantat ein, wo es kontinuierlich Informationen zur Bruchheilung liefert.
Möglichkeiten gibt es also viele. Das hat auch die Forschungsförderung der EU entdeckt. Sie hat im Rahmen des Horizon-Europe-Programms über 20 Millionen Euro für das Projekt «SmILE» bewilligt, das diverse intelligente Ansätze gegen Krankheiten des Bewegungsapparats wie Arthrose, Osteoporose oder eben Frakturen erforscht. Teil davon sind zwei Projektpartner von «Smarte Implantate», die Universität des Saarlandes und das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (Zema).
«Was in SmILE geplant ist, baut auf unserem WSS-Projekt auf», sagt Bergita Ganse. «Es geht darum, eine Chip-Plattform für smarte Implantate zu entwickeln – nicht nur für Frakturen, sondern auch für Hüft- oder Knieprothesen.» Zudem seien Industriepartner beteiligt, die ein konkretes Interesse daran hätten, solche Produkte auf den Markt zu bringen. Die Zeit, so scheint es, ist reif für solche intelligenten technologischen Ansätze in der Medizin.








