Schicht für Schicht: Am Fraunhofer ISE in Freiburg i. Br. entstehen mithilfe einer topmodernen Epitaxie-Anlage neuartige, hocheffiziente Solarzellen.

Ultradünn und

hocheffizient

Der Wirkungsgrad von Tandem-Solar­zellen ist deutlich höher als jener der heutigen Silizium-Zellen. Doch um sie konkurrenzfähig zu machen, braucht es Innovationen bei den diversen Herstellungs­schritten. Ein neu unterstütztes Team am Fraunhofer-Institut für Solare Energie­systeme ISE in Freiburg im Breisgau (D) hat die Ideen dafür.

Der Campus des Fraunhofer-Instituts für Solare Energie­systeme ISE in Freiburg im Breisgau ist weitläufig. Und wenn Frank Dimroth einen von Gebäude zu Gebäude und von Innovation zu Innovation führt, bekommt man ein Gefühl dafür, wie komplex die Herstellung einer Solarzelle ist. Nicht irgend­einer Solarzelle. Sondern einer, die es so noch nicht gibt. Und die Europa eine zweite Chance eröffnen könnte, um in der weltweiten Solar­industrie einen Spitzen­platz zu erlangen.

Frank Dimroth ist Leiter der Abteilung III-V Photovoltaik und Konzen­trator­techno­logie am Fraunhofer ISE. Er leitet gemeinsam mit ISE-Direktor Andreas Bett das Projekt «Nachhaltige Energie­wende durch höchsteffiziente Tandem­photovoltaik», das die Werner Siemens-Stiftung (WSS) in den kommenden 7 ½ Jahren mit insgesamt 14 Millionen Euro unterstützt. Weitere 1,4 Millionen Euro steuert die Fraunhofer-Gesellschaft bei.

100 Mal günstiger werden

Im Zentrum des Projekts stehen sogenannte III-V-Mehrfach-Solarzellen. Sie bestehen aus zwei bis sechs übereinander gewachsenen Solarzellen, die sich aus Elementen der dritten und fünften Gruppe des Perioden­systems zusammensetzen; etwa Gallium, Indium, Arsen oder Phosphor. Weil jede Schicht einen anderen Anteil des Sonnenlicht-Spektrums aufnimmt, erreichen solche «Tandem-Solar­zellen» sehr hohe Wirkungs­grade. Gegenüber den heute verwendeten Silizium­zellen lässt sich mit ihnen pro Fläche ungefähr ein Drittel mehr Leistung herausholen.

Das ist erklecklich – und würde den Flächen- und Ressourcen­bedarf der Solarindustrie deutlich vermindern. Trotzdem haben sich Tandem-Solar­zellen bisher erst in der Weltraumindustrie durchgesetzt, etwa um Satelliten mit Strom zu versorgen. «Unsere Ausgangs­stoffe sind seltener und teurer als Silizium», erklärt Frank Dimroth. Zudem seien die Herstellungs­verfahren heute noch aufwändig, weil es sich für den Nischenmarkt Weltraum nicht lohnte, Maschinen und Prozesse extra zu entwickeln, welche eine Massen­produktion zu günstigen Preisen ermöglichen. «Für die terrestrische Anwendung ist dies aber eine Notwendigkeit.»

Der Herstellungs­prozess jeder III-V-Mehrfach-Solarzelle besteht aus drei Teilen: Als Erstes wird ein Wachstums­substrat hergestellt, ein sogenannter Wafer. Als Zweites werden die III-V-Halbleiter schichtweise auf das Substrat aufgebracht – in einem Prozess, der als Epitaxie bezeichnet wird. Im dritten Teil, der sogenannten Prozessierung, wird die Solarzelle fertig gestellt, mit allen Kontakten, Entspiegelungs­schichten und Separations­prozessen.

«Jeder dieser drei Teile trägt ungefähr ein Drittel zu den Kosten der Solarzelle bei, deshalb müssen wir alle drei angehen», sagt Frank Dimroth. Und zwar nicht bloss ein bisschen. Jeder Prozessteil muss um ein Viel­faches effizienter werden. «Unser Ziel ist es, den Prozess hundert Mal günstiger zu machen», sagt Dimroth. So viel höher liegen die Herstellungs­kosten für III-V-Mehrfach-Solar­zellen verglichen mit Standard-­Solar­zellen heute.

Sollbruchstelle im Wafer

Für diesen Kraftakt wendet das Team diverse innovative Strategien an. Beim Wachstums­substrat, den Wafern, geht es um Material­einsparungen. Wafer sind ungefähr 0,3 Millimeter dicke Scheiben. Sie geben den III-V-Schichten, die später das Sonnen­licht einfangen, eine genaue Wachstums­struktur vor. «Für unsere Solar­zellen verwenden wir ein teures Material, Germanium», erklärt Dimroth. «Deshalb wollen wir die Unterlage nach der Her­stellung entfernen und mehrfach wiederverwenden.»

Wie das funktioniert, zeigt er in einem Labor im Haupt­gebäude des ISE. Wer es betreten will, muss einen Schutz­kittel und Einweg-­Über­schuhe anziehen – Schmutz­partikel könnten die Experimente gefährden, an denen das Team hier arbeitet. Unter einem Abzug ist eine Halterung zu sehen, in die sich ein runder Wafer einspannen lässt. Die Scheibe wird dann in einem Becken mithilfe von Fluss­säure und zwei Elektroden elektro­chemisch behandelt.

Dabei passiere zweierlei, erklärt Dimroth. «Wenn wir eine negative Spannung anlegen, führt das zu einer hauch­dünnen Ätzung auf der Ober­fläche des Wafers.» Bei einer positiven Spannung schliessen sich die Ober­flächen wieder. Die Kombi­nation beider Schritte mit einem weiteren thermischen Ausheiz­schritt ermöglicht es, wenige hundert Nano­meter unter der Oberfläche des Wafers eine poröse Schicht zu erzeugen.

Diese Schicht dient als eine Art Sollbruch­stelle. «Am Ende des Herstellungs­prozesses können wir die Halbleiter­schichten vom Wafer abziehen und diesen mehrfach wiederverwenden», erklärt Dimroth. Um diese Techno­logie zu perfektio­nieren, braucht es allerdings intensive Forschung. «Wir haben gezeigt, dass wir die Schichten herstellen können. Aber wir haben den Ablöse­prozess noch nicht im Griff.» Auf diese Frage konzentriere sich eine der ersten Doktor­arbeiten in dem Projekt, die im Oktober 2025 begann.

Einzigartige Epitaxie-Anlage

Vor der Substratablösung müssen die III-V-Halbleiter-­Schichten der Solar­zelle aufgebracht werden. Dies geschieht Schritt für Schritt in einer mehr als zehn Meter langen Anlage. Frank Dimroth führt den Besucher durch Flure und Treppen­häuser bis zum Epitaxie-Labor des ISE. Neben zwei bestehenden Anlagen befindet sich hier eine neue, die noch nicht ganz fertig eingerichtet ist. Sie soll diesen zweiten Solar­zellen-Entwick­lungs­teil radikal beschleunigen.

Die Maschinen, die heute für das Kristall-Wachs­tum von III-V-Mehr­fach-Solar­zellen verwendet werden, sind relativ langsam und haben einen geringen Durchsatz. Vor ungefähr vier Jahren hätten sich Expertinnen und Experten des ISE deshalb zusammen­gesetzt, um zu besprechen, wie eine effiziente Epita­xie-Anlage aufgebaut sein müsste, erzählt Dimroth. «Wir dachten, in einem halben Jahr hätten wir die Prozesse zusammen, aber das war zu optimistisch.»

Doch nun ist es so weit. In Zusammenarbeit mit deutschen Mittel­stands­firmen bauten die Forschen­den eine Anlage, die perfekt auf die Bedürfnisse der III-V-Mehrfach-Photo­voltaik zugeschnitten ist. «Wir wollen einen Prozess, der heute zwei Stunden dauert, auf fünf Minuten verkürzen», sagt Dimroth.

Der Epitaxie-Prozess funktioniert folgender­massen: Der Germanium-Wafer wird in eine Reaktions­kammer gebracht. Während­dessen werden im Bauch der Anlage nach einer geheimen Formel die verschiedenen Halb­leiter-Zutaten in einen gas­förmigen Zustand gebracht, vermischt und mit Dotier­stoffen versehen, um ihre elektrische Leit­fähig­keit zu optimieren. Das Gemisch wird in die Reaktions­kammer geleitet und mit einer Art Dusch­kopf auf den Wafer gesprüht. In der auf 700 Grad Celsius erhitzten Kammer setzen sich die Metall­atome ab – und suchen sich ihren Platz im Kristall­gitter des Wafers. Ungefähr 20 bis 40 Halbleiter­schichten werden so abgeschieden. So entsteht eine nur wenige Mikrometer dicke, aber sehr effiziente Solar­zellen­struktur.

Viel rascher aufgeheizt

Die neue Anlage steckt voller Inno­vationen. Eine ist ganz schlicht die Form der Reaktions­kammer. Sie ist nicht rund wie bei der bisherigen Epitaxie-An­lage, sondern quadratisch. Dadurch entsteht weniger ungenutzte Fläche. «Allein dies wird einen Effizienz­gewinn von 20 Prozent bringen», sagt Dimroth. Eine enorme Verbesserung ist auch eine neuartige Heiz­technik, mit der die Reaktions­kammer innert einer Minute auf 700 Grad erhitzt wird. «Die Anlage nebenan benötigt dafür 20 Minuten», sagt Dimroth.

Über der Reaktionskammer ist zudem eine Stahlkiste angebracht. «Das ist ein Plasma­generator, mit dem sich Gase ionisieren lassen», erklärt Frank Dimroth. Der Plasma­generator, so seine Hoffnung, erleichtert die Zerlegung der Moleküle, sodass weniger Hitze benötigt wird, um die Metallatome auf den Wafer zu bringen. Allerdings könnte das Plasma das Solarzellenmaterial auch schädigen. Die erste Dissertation im Bereich Epitaxie untersucht deshalb unter anderem, ob der Plasma­generator ein Vor- oder Nachteil für den Prozess ist. «Wir betreten hier wissen­schaft­liches Neuland», sagt Dimroth.

Der dritte Teil der Solarzellen­produktion, die Prozessierung, findet im «Zentrum für höchst­effiziente Solar­zellen» statt, welches das Fraunhofer ISE vor vier Jahren eröffnet hat. Hier werden die epitaxierten Wafer zu funktionieren­den Bau­elementen verarbeitet. Heutige Prozesse finden in Rein­räumen statt, die aufwändig und teuer sind. Einige Räume sind gelb beleuchtet. Dort wird mit licht­em­pfind­lichen Photo­lacken gearbeitet, um sogenannte Masken auf der Vorder­seite der Zelle zu erzeugen. Anschliessend werden darauf hauchdünne Metall­schichten aufgedampft und dann der Photo­lack wieder entfernt. Zurück bleiben feine, fingerartige Metall­bahnen. «Diese Metalle sollen einen möglichst geringen Teil der Zelle bedecken, um deren Effizienz nicht zu verringern», sagt Dimroth.

Eine erste Dissertation in diesem Bereich untersucht, wie sich solche Fertigungs­schritte bewähren, wenn die Tandem-Solarzellen-Folien nur noch wenige Mikrometer dick sind. Und wie man die Herstellung kosten­günstiger machen könnte. Dazu gehört insbesondere auch, die heutigen Mikro­elektronik-Techniken zu ersetzen durch Fertigungs­techniken, wie sie die Silizium-Photo­voltaik  anwendet.

Den Lack aufdrucken

Ein Beispiel zeigt Dimroth in einem Labor­raum im Obergeschoss. Hier steht ein ungefähr zwei auf zwei Meter grosser Tintenstrahl­drucker. Mit diesem Gerät lassen sich Lacke so genau auf Solarzellen aufdrucken, dass man die hauchdünnen Bahnen für die Metall­bedampfung direkt aussparen könnte. Das würde zwanzig Mal weniger lang dauern als die heutigen Prozesse und erst noch weniger Lack benötigen. Noch allerdings braucht der Drucker Verbesserungen. Heute drucke er auf zehn Mikrometer genau, sagt Dimroth, nötig wären ungefähr fünf Mikrometer. «Wir wollen die Prozesse Schritt für Schritt schneller und skalierbarer machen – gleichzeitig müssen wir genügend exakt bleiben.»

Denn am Ende müssen die neuen Solar­zellen nicht nur wirtschaftlich mit den herkömmlichen Silizium­zellen mithalten, sondern auch ihren überlegenen Wirkungs­grad beibehalten. «Wir wollen vermeiden, dass die Zellen im Verlauf der Herstellung an Effizienz verlieren», sagt Dimroth. «Unser Ziel ist es, Solar­zellen mit einem Wirkungs­grad von 35 Prozent kosten­günstig herzustellen.» Gelingt dies, steht einer neuartigen Photo­voltaik nichts im Weg – und sie wäre erst noch «Made in Europe».