
Das System funktioniert
Beim TriggerINK-Projekt in Aachen fügen sich die Puzzleteile für die Knorpelregeneration der Zukunft zusammen. Die verschiedenen Arbeitsgruppen machen rasche Fortschritte – in ersten Tests konnte bereits Knorpelwachstum nachgewiesen werden.
Beschädigtes Knorpelgewebe wächst nicht von selbst nach. Um nachzuhelfen, arbeiten Forschende am DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien in Aachen an einer neuartigen Strategie. Im Projekt TriggerINK entwickeln sie eine gelatineartige Substanz, eine spezielle Biotinte, die künftig mittels eines 3D-Druck-Roboters in beschädigtes Knorpelgewebe eingebracht werden soll. Die Tinte dient als stützendes Gerüst und Orientierung für das nachwachsende Gewebe und ist mit verschiedenen innovativen Elementen versetzt, welche die Regeneration ermöglichen.
Im vergangenen Jahr haben die Arbeitsgruppen des Projekts diverse Fortschritte gemacht. Die Gruppe um Projektleiterin Laura De Laporte führte weitere Untersuchungen mit der Biotinte durch. Im Reagenzglas erprobten die Forschenden die Wirkung der mikroskopisch kleinen, stäbchenartigen Elemente, die sie in der Tinte mithilfe eines magnetischen Feldes ausrichten können. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass sich Stammzellen in Strukturen, die eine klare räumliche Orientierung vorgeben, besser zu Knorpelzellen entwickeln.
Doch Knorpelzellen allein machen noch kein funktionierendes Knorpelgewebe. Sie müssen auch Komponenten wie Kollagene oder Proteoglykane produzieren. Sie sind essentielle Bestandteile der extrazellulären Knorpelmatrix, in der die Knorpelzellen verankert sind und die dem Knorpel seine Elastizität und Reissfestigkeit verleiht. Das Team hat es kürzlich geschafft, eine verstärkte Produktion dieser Matrix-Bestandteile in den ausgerichteten Hydrogel-Gerüsten nachzuweisen. «Wir zeigen erstmals, dass die räumliche Ausrichtung unseres Gerüsts zu funktionellen Verbesserungen führt», sagt Laura De Laporte.
Versuch mit Tierknorpel
In Zusammenarbeit mit Gerjo van Osch von der Universität Rotterdam führten die Forschenden zudem erste Tierversuche durch. Dazu entnahmen sie aus dem Knie eines toten Rindes eine Knorpel-Knochen-Biopsie. In diesen «Pfropf» bohrten sie ein Loch, füllten es mit dem Bio-Tinte-Gemisch und transplantierten das Ganze einer Labormaus unter die Haut.
Tatsächlich: Wenn die Forschenden Wachstumsfaktoren beigaben, wuchsen aus dem Rinderknochen Stammzellen in die Biotinte hinein und es bildete sich Knorpel. Die Knorpelbildung, so erste Resultate, wird durch die ausgerichteten Mikrogel-Stäbchen gefördert. «Unser System scheint also zu funktionieren», sagt De Laporte. Allerdings braucht es eine ganze Reihe weiterer Tests. Unter anderem hat das Team dazu ein Labor aufgebaut, in dem sich Knorpel-Knochen-Pfropfen aus Rindern in einem Inkubator ex vivo untersuchen lassen.
Gezielte Freigabe
Dass Wachstumsfaktoren entscheidend für die Knorpelregeneration sind, ist für das TriggerINK-Team keine Überraschung. Um das Wachstum zu steuern, planen die Forschenden, solche Faktoren ganz gezielt freizusetzen: zuerst einen Wachstumsfaktor, der Stammzellen aus dem umliegenden Knochengewebe an die Behandlungsstelle lockt; danach einen Differenzierungsfaktor, der die Stammzellen dazu anregt, Knorpelzellen zu bilden.
An der gezielten Freisetzung solcher Faktoren arbeitet die Gruppe von Andreas Herrmann. Für die Integration hat das Team inzwischen eine vielversprechende Technologie entwickelt: ultraschallresponsive Nanoblumen. Diese blütenförmigen Nanostrukturen bestehen aus Erbgutsträngen, enthalten eine Protease und werden in die Biotinte integriert. In die Nanoblumen werden die durch eine ganz spezielle Aminosäurensequenz, ein sogenanntes Intein, inaktivierten Wachstumsfaktoren eingebaut – und zwar so, dass sie sich mittels Ultraschall wieder aktivieren lassen.
Herausschneiden und verknüpfen
Die Aktivierung funktioniert folgendermassen: Ein Ultraschall-Signal schaltet zunächst die Protease an, was dazu führt, dass das Intein sich aus dem Protein herausschneidet, sodass von diesem zwei Hälften verbleiben. Danach ist das Intein in der Lage, die beiden Hälften des gewünschten Proteins zu verknüpfen, wodurch das Protein, in diesem Fall der Wachstumsfaktor, funktionsfähig wird. «Bei dieser Technologie haben wir einen grossen Schritt nach vorne gemacht», erzählt Andreas Herrmann.
Fortschritte vermeldet auch die Arbeitsgruppe von Matthias Wessling. Sie hat den Prototyp eines zweiarmigen 3D-Druck-Roboters entwickelt, der dereinst die Biotinte in das beschädigte Knorpelgewebe bringen soll. Der eine Arm trägt den Druckkopf und eine Lichtquelle. Mit dem Druckkopf werden nacheinander Tinten mit verschiedenen Mikrogel-Partikeln gedruckt. Die Lichtquelle dient dazu, gewisse Moleküle der Biotinte durch Bestrahlung mit einer bestimmten Wellenlänge zu einem gitterähnlichen Stützgerüst zu verbinden. Der zweite Roboterarm enthält einen Magnetring, um die magnetischen Mikrogel-Stäbchen mithilfe eines externen Magnetfeldes räumlich auszurichten, bevor die Tinte durch Lichteinstrahlung vernetzt und stabilisiert wird.
Es wird zwar noch Zeit brauchen, doch die Knorpelregeneration der Zukunft rückt näher.




