Im Projekt MutaDent entwickeln Forschende der Universität Zürich einen neuartigen Zahnfüllzement, der Stammzellen im Zahngewebe zum Nachwachsen anregen soll. Das Team untersucht sein System unter anderem auf sogenannten «Dents on a Chip», eine Art Zahnmodellen auf winzigen Kunststoffplättchen.

Zahnheilung aus dem Mikrobiom

Karies betrifft weltweit Milliarden Menschen und führt bei fort­ge­schrittenen Schäden oft zur Wurzel­behandlung. Ein Forschungs­team der Universität Zürich arbeitet nun an einem neuen Zahn­zement, der die natürlichen Reparatur­mechanismen des Zahns aktivieren soll. Unter­stützung erhält Projektleiter Isaac Bugueno durch ein von der Werner Siemens-Stiftung finanziertes MedTech Entrepreneur Fellowship.

Karies gilt als eine der häufigsten Erkrankungen der Welt. Die Welt­gesundheits­organisation WHO schätzt, dass rund 2,5 Milliarden Menschen an einem solchen Infekt leiden, bei dem Zahn­substanz durch Bakterien und Säuren zerstört wird. In Europa, wo viel Zucker konsumiert wird, leidet praktisch jeder Mensch mindestens einmal im Lauf seines Lebens an einem kariösen Zahn. Werden geschädigte Zähne nicht früh­zeitig und richtig behandelt, können immer tiefere Löcher entstehen.

Die Bakterien fressen sich nach und nach durch die verschiedenen Zahn­schichten: zuerst durch den Zahn­schmelz, dann durch das Dentin – und im schlimmsten Fall bis ins Zahnmark, auch Pulpa genannt, das weiche, lebende Gewebe innerhalb des Zahns. Ist dieses Stadium erreicht, sind die Möglich­keiten der Zahn­erhaltung heute beschränkt, selbst wenn die Zahn­mark­zellen noch nicht abge­storben sind.

Zwar gibt es unter dem Marken­namen «Biodentine» moderne Zement­füllungen, die Kalzium frei­setzen und dadurch in begrenztem Mass die Zahn­heilung fördern können. Doch Kompli­kationen sind häufig, das Bakterien­wachstum der Karies ist oft schneller als der Heilungs­prozess im Zahn. Dann bleibt nur noch eine Wurzel­behandlung: Die Zahn­ärztin oder der Zahn­arzt entfernt das entzündete Zahn­mark, nimmt die Nerven heraus und füllt den Zahn mit künstli­chem Material. Der Zahn bleibt zwar erhalten, bio­logisch gesehen ist er jedoch tot.

Zahnzellen zum Nachwachsen anregen

Im obersten Stock des Zentrums für Zahn­medizin der Universität Zürich reift aber eine Techno­logie heran, die das Potenzial hat, die Karies­behandlung zu revolutionieren: Sie heisst MutaDent und wird entwickelt von Privat­dozent Isaac Bugueno und Post­doktorandin Argyro Lamprou. Sie treiben die wissen­schaftliche Entwicklung der Techno­logie massgeblich voran und haben das Projekt gemeinsam gegründet.

Isaac Bugueno leitet eine Forschungs­gruppe am Institut für Orale Biologie der Universität Zürich. Darüber hinaus profitiert das Projekt von wissen­schaftlichen Koopera­tionen sowie Mentoring durch die Klinik für Kau­funktions­störungen und dentale Material­wissen­schaften der Universität Zürich, insbesondere mit Professorin Mutlu Özcan, sowie von der wissen­schaftlichen Zusammen­arbeit mit Professor Erick Carreira am Departement Chemie und Ange­wandte Biowissen­schaften der ETH Zürich.

Die Idee von MutaDent ist ambitio­niert: Statt zerstörtes Gewebe ledig­lich zu ersetzen, wollen die Forschenden die natürlichen Reparatur­mechanismen des Zahns aktivieren. «Wir ent­wickeln einen neu­artigen Zahn­füll­zement, der erstmals den geschädigten Zahn physi­kalisch, chemisch und bio­logisch unter­stützt», sagt Isaac Bugueno. Konkret soll MutaDent die Bildung von spezialisierten Zellen an der Ober­fläche der Pulpa anregen. Diese soge­nannten Odonto­blasten produzieren Dentin, jene harte Substanz, welche den grössten Teil des Zahns ausmacht und unter dem Zahn­schmelz liegt.

Bugueno beschreibt das Prinzip von MutaDent mit dem Bild einer Rakete: Die erste Stufe besteht aus einem speziellen Zahn­zement, der direkt in die geschädigte Stelle einge­bracht wird. Darin einge­bettet sind winzige Partikel, deren Herkunft und Aufbau das Team aus patent­rechtlichen Gründen noch geheim halten muss. Sie sind so dimen­sioniert, dass sie tief genug in Richtung Pulpa gelangen können, ohne in Blutgefässe oder Nerven einzu­dringen. Nach einer gewissen Zeit lösen sie sich auf und setzen winzige bio­logisch aktive Mole­küle frei.

Eine überraschende Entdeckung

In diesen Molekülen liegt der Kern der Innovation. Sie haben die Fähig­keit, dentale Stamm­zellen in der Pulpa zu stimulieren. Die Stamm­zellen beginnen darauf­hin, neue Odonto­blasten zu bilden. Diese wiederum wachsen entlang feinster Kanäle weit in das Dentin hinein und bauen dort neues Zahn­gewebe auf. «Unser Ziel ist es, die körper­eigene Regene­ration gezielt zu verstärken, bevor irrever­sible Schäden entstehen», sagt Argyro Lamprou.

Die Entdeckung des Stamm­zellen stimu­lierenden Mole­küls sei dem Zufall zu verdanken, erzählt Isaac Bugueno. Mithilfe von Metho­den, die vom Team von Erick Carreira ent­wickelt wurden, lassen sich einzelne Mole­küle aus jenen Mikro­organismen isolieren und synthe­tisieren, die natürlicher­weise auf und im Menschen leben. Ursprünglich unter­suchte die Forschungs­gruppe, ob solche Stoffe toxische Auswir­kungen auf Zellen des Zahn­marks haben könnten.

Statt eines Stoffes, der Zahn­zellen abtötet, fanden die Forschen­den jedoch genau das Gegen­teil: «Eines Tages kam eine Doktorandin und sagte, in einer Probe geschehe etwas Selt­sames», erzählt Bugueno. «Unter bestimmten Konzen­trationen eines Moleküls starben die Zahn­mark-Zellen nicht ab, sondern vermehrten sich.»Die Substanz bringt die dentalen Stamm­zellen dazu, sich zu teilen und neues Gewebe zu bilden.

Noch befindet sich die Techno­logie in einer frühen Entwicklungs­phase. Der­zeit arbeiten die Forschenden daran, das Material zu optimieren und die biolo­gischen Mechanis­men besser zu verstehen. Dabei müssen zahl­reiche Fragen geklärt werden. Welche Effekte gehen vom Zement selbst aus? Wie lässt sich der pH-Wert so ein­stellen, dass die empfind­lichen bio­logischen Sub­stanzen aktiv bleiben? Und wie können die Wirk­stoffe zuver­lässig und in richtiger Dosierung frei­gesetzt werden?

Von Forschung zu Anwendung

Unter­stützt wird die Ent­wicklung durch ein MedTech Entre­preneur Fellowship der Uni­versität Zürich, das Isaac Bugueno erhalten hat. Das von der Werner Siemens-Stiftung finan­zierte MedTech Entrepreneur Programm unter­stützt junge Forschende beim Trans­fer von Forschungs­ergebnissen in markt­fähige Produkte und Dienst­leistungen. Es umfasst finan­zielle Mittel von 150‘000 Schweizer Franken sowie Infra­struktur, Coaching und Unter­stützung beim Net­working.

«Wir können dank dieser Unter­stützung nicht nur die wissen­schaftliche Arbeit voran­treiben, sondern auch die wirtschaft­liche Grund­lage für eine spätere Kommer­zialisierung zu schaffen», sagt Isaac Bugueno. Dazu gehören Patentierungen, regula­torische Vorbe­reitungen und die Planung zukünf­tiger klinischer Studien. Das Fellow­ship schafft den Raum, um die Brücke zwischen Grund­lagen­forschung und Anwendung zu schlagen – ein Schritt, an dem viele vielversprechende Technologien scheitern.

Zahnmodell auf einem Chip

Für ihre Experimente nutzen die Forschenden eine ganze Palette moderner Test­systeme. Dazu gehören echte Zähne, die Patientinnen und Patienten entfernt werden mussten und für Forschungs­zwecke weiter­verwendet werden. Daneben kommen künstliche Modelle zum Einsatz. Besonders komplex sind sogenannte «Dent-on-a-Chip»-Systeme, die Bugueno und Lamprou im Labor der Forschungs­gruppe zeigen. Es handelt sich um miniaturisierte Zahn­modelle auf einem Chip, die wichtige Bestand­teile eines echten Zahns nachbilden und realitäts­nahe Unter­suchungen ermöglichen.

Im Labor steht sogar eine rotierende Vor­richtung, die Schwere­losigkeit simuliert. «Wir möchten dereinst auch testen, ob Zahn­zellen im Weltraum – unter Aus­schluss der Schwer­kraft – rascher wachsen könnten», sagt Bugueno. Noch ist das Zukunfts­musik. Doch das Beispiel zeigt, wie breit die Forschenden die Möglich­keiten der Zahn­regeneration ausloten.

Einfache Idee, enormes Potenzial

Bis Patientinnen und Patienten tat­sächlich von der Techno­logie profitieren können, dürften noch Jahre vergehen. Zunächst stehen weitere Labor­versuche, Tier­versuche und später klinische Studien am Menschen an. Doch die Forschenden sehen in ihrem Ansatz grosses Poten­zial, ist doch die Karies­behandlung ein Milliarden­markt. «Der Hersteller von Bio­dentine etwa hat ange­kündigt, bis 2032 einen Umsatz von über einer Milliarde Euro erzielen zu wollen», sagt Bugueno.

Das Schöne an MutaDent, so die beiden Forschenden, sei die Ein­fach­heit der Idee. «Wir setzen bewusst auf einen Zement, der in seiner Hand­habung den heute verwendeten Materialien ähnelt, denn Zahn­ärztinnen und Zahnärzte müssen unser Produkt nahtlos in ihre Behandlungs­abläufe integrieren können», erklärt Argyro Lamprou. Ausser­dem, ergänzt Isaac Bugueno, «bringen wir in diesen Zahn­zement eigentlich nur eine Substanz ein, die einen natürlichen Vorgang im Zahn ankurbelt.»

Sollte der Ansatz funktionieren, könnte er die Behand­lung fortge­schrittener Karies grundlegend verändern. Statt Gewebe zu entfernen und durch künstliches Material zu ersetzen, könnte die Zahn­medizin in Zukunft auf die Selbstheilungs­kräfte des Zahns setzen.

Text: Simon Koechlin


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