Ananya Amitabh absolviert ein Masterstudium in Quantum Engineering an der ETH Zürich und ist Empfängerin eines Exzellenz-Stipendiums der Werner Siemens-Stiftung.
Ananya Amitabh absolviert ein Masterstudium in Quantum Engineering an der ETH Zürich und ist Empfängerin eines Exzellenz-Stipendiums der Werner Siemens-Stiftung.

Frühstarterin in der
Quanten­welt

Sie machte mit 16 Jahren die Matura und mit 19 einen Bachelor. Nun, 21-jährig, steckt Ananya Amitabh mitten im Master­studium «Quantum Engineering» an der ETH Zürich. Dank eines Exzellenz-Stipendiums der Werner Siemens-Stiftung kann sie ihre Master­arbeit im Ausland schreiben – und daneben Mädchen für technische Studienfächer begeistern.

Wenige junge Frauen entscheiden sich für ein technisches Studien­fach. Ananya Amitabh ist eine dieser wenigen – doch auch ihre Geschichte zeigt, welche Hürden Mädchen davon abhalten. Am Talent liegt es nicht, schon gar nicht bei Amitabh: Sie wurde vorzeitig eingeschult und übersprang in der Primar­schule eine Klasse, sodass sie im Lang­zeit­gymnasium in Oerlikon ZH zwei Jahre jünger war als ihre Klassen­kameradinnen und -kameraden.

Und sie stammt aus einer Technik-affinen Familie: Ihre aus Indien stammenden Eltern sind beide Software-Ingenieure. «Ich habe von ihnen früh gelernt, wie toll es ist, Probleme zu lösen», erzählt die heute 21-Jährige. So schrieb sie sich im Gym­nasium für die Fach­richtung Mathe-Physik ein. «Ins­gesamt waren wir bloss vier Mädchen in dieser Halb­klasse», erzählt sie. Keine ausser ihr habe sich danach für ein Studium in exakten Natur­wissen­schaften oder Ingenieur­wissen­schaften entschieden. Und ohne die elter­lichen Vorbilder und deren Ermutigung hätte sie es vielleicht auch nicht getan.

Was sind die Gründe für diese Zurück­haltung von Mädchen und jungen Frauen gegenüber den sogenannten MINT-Fächern (Mathe­matik, Infor­matik, Natur­wissens­chaft, Technik)? Amitabh sieht mehrere Gründe: Mädchen hätten die Tendenz, Menschen direkt helfen zu wollen, sagt sie. Vielleicht wollten deshalb viele lieber Lehrerin oder Ärztin werden. «Aber viele trauen sich die Natur­wissen­schaften und Technik gar nicht erst zu – oder man traut sie ihnen nicht zu.» Das galt teilweise auch für Amitabh – obwohl sie mit 16 Jahren das beste Matur­zeugnis ihres Jahr­gangs erhielt. «Eine Gymi-Lehrerin schaute mich mit grossen Augen an, als ich sagte, ich würde Elektro­technik studieren», erzählt sie.

Entscheid am Elektrotechnik-Stand

Für die Elektro­technik entschied Amitabh sich letztlich dank Präsen­tationen aus erster Hand. Als es auf die Maturität zuging, besuchte sie einen Studien­infor­mations­tag des Vereins LIMES, in dem sich die Studen­tinnen von Elektro­technik, Informa­tions­techno­logie und Maschinen­bau der ETH Zürich organisieren und gegen­seitig unterstützen. «Die Elektro­technik-Labor­touren packten mich», erzählt sie. Sie ist über­zeugt: Genau solche Schau­fenster braucht es, um mehr Mäd­chen in MINT-Fächer zu bringen – ganz nach dem englischen Aus­spruch: «You can’t be what you can’t see», also «Du kannst nicht werden, was du nicht sehen kannst.»

Der Satz begleitet Ananya Amitabh auch an der ETH. «Hier hat sich mir eine Welt geöffnet», sagt sie und ihre Augen leuchten. All die Profes­sorinnen und Profes­soren, die hoch­interes­sante Forschungs­gebiete beackern. All die techni­schen Geräte und Ideen, mit denen sich unter­schied­lichste Pro­bleme lösen lassen. In ihrer Bachelor­arbeit widmete sich Amitabh einer solchen Idee auf dem Gebiet des Bio­medical Engineerings: der Entwicklung einer Mikro­robotik­methode, um Medika­mente ziel­gerichtet durch Blut­bahnen zu einem Tumor zu bringen und dort zu entlassen. Das habe sie begeistert, erzählt sie.

Wechsel in die Quantenwelt

Trotzdem entschied sie sich nach dem Bachelor­abschluss, den sie mit 19 Jahren machte, für das Master­studium die Fach­richtung zu wechseln. Denn sie hatte etwas Neues gesehen: die Welt der Quanten­physik. Auslöser war die Quanten­mechanik-Vorlesung im Bachelor­studium. Die Quanten­welt habe sie zu faszi­nieren begonnen, erzählt Amitabh. «Sie hat etwas Mysteri­öses, ein Teilchen kann sich gleich­zeitig an zwei Orten befinden. Gleich­zeitig ist die Quanten­mechanik intuitiv und elegant, wenn man die Mathe­matik dahinter begriffen hat.»

Bei der Wahl dieses Master­fachs spielte auch der Zufall mit: Sie lernte mehrere  Studierende des Fachs Quantum Engineering kennen. «Alle waren sehr nett und schienen so glücklich, dass ich mir sagte: Irgend­etwas muss in diesem Fach einfach gut laufen.»

Heute ist sie Master­studentin in Quantum Engineering – und strahlt selbst eine tiefe Zufrieden­heit aus. Ihre Erwartungen hätten sich erfüllt, erzählt sie. Die Stimmung in dem Fach sei hervor­ragend. «Wir sind ungefähr 30 Studierende in meinem Jahr­gang. Alle kennen einander und wir unternehmen viel zusammen.» Zwar mache sich der Alters­unter­schied etwas stärker bemerkbar als während des Gymnasiums. Ihre Kommili­toninnen und Kommili­tonen sind nun typischer­weise drei oder vier Jahre älter als sie, weil nicht alle den Bachelor in drei Jahren absol­vierten. Trotz­dem gäben sie ihr das Gefühl, dazu zu gehören. «Alle sind sehr unter­stützend.»

Quantentechnik für die Medizin

Auch inhalt­lich bringt ihr neues Studien­fach sie ins Schwärmen. Beim Quantum Engineering geht nicht ums blosse Ver­ständnis der Quanten­physik, sondern darum, neue Quanten­anwendungen zu entwickeln. Dass solche Anwendungen inter­diszip­linäre Ansätze erfordern, kommt Ananya Amitabh entgegen. Elektro­technik und Bio­medical Engineering hätten sie nie ganz los­gelassen, erzählt sie. Deshalb habe sie sich schon früh im Master­studium Gedanken gemacht, wie sich die Quanten­elektronik für biomedi­zinische Anwendungen nützen liesse.

Ihr bevorzugtes Themen­feld in den Quanten­wissen­schaften ist die Quanten­sensorik. Dabei werden Quanten­mechanik-Prinzi­pien genutzt, um extrem präzise Messungen unter­schied­lichster Art durchzuführen. Eine aus­sichts­reiche Methode, um solche Quanten­sensoren zu erzeugen, beruhe auf sogenannten NV-Quanten­systemen, erzählt Amitabh. Solche Quanten­systeme lassen sich durch ganz bestimmte Defekte in künstlich herge­stellten Diaman­ten­gittern erzeugen.

Mit solchen Systemen können feinste Magnet­felder gemessen werden. Das möchte Ananya Amitabh  für den nächsten Teil ihres Studiums nützen. In Cambridge (England) entwickle eine Forschungs­gruppe mit NV-Quanten­systemen medizi­nische Anwen­dungen, erzählt sie. Ihr Plan ist es, dort ihre Master­arbeit zu schreiben. «Ich treffe genau den richtigen Zeit­punkt», freut sie sich. Denn erst in den letzten Jahren haben sich einige Hubs gebildet, die Forschungs­gruppen zusammenbringen, die sich auf bio­medizi­nische Quanten­sensorik spezia­lisiert haben.

Ins Ausland dank WSS-Stipendium

Genau zum richtigen Zeit­punkt kommt auch das Werner Siemens-Fellow­ship, das Ananya Amitabh letzten Sommer von der Schweize­rischen Studien­stiftung zugesprochen erhielt. Ein solches Stipen­dium wird jährlich an zehn heraus­ragende Studierende im MINT-Bereich, in Medizin oder Pharma­zeutik vergeben. Es handelt sich um Exzellenz-Stipen­dien, die es talentierten und ambitio­nierten jungen Menschen ermöglichen, ihre Aus­bildung und Ent­wicklung ziel­gerichtet zu verfolgen.

Das WSS-Stipendium sei ihr eine grosse Hilfe, sagt Amitabh. «Es erlaubt es mir, die Master­arbeit im Ausland zu machen, ohne dass ich auf meine frei­willigen Engage­ments verzichten muss, um Geld zu verdienen.» Denn Amitabh ist auch neben dem Studium viel beschäftigt. Sie trainiert Karate, seit sie sieben Jahre alt ist, erhielt mit 13 den Schwarzen Gurt und unter­richtet seit ihrem 16. Lebens­jahr Kinder in der Kampf­sportkunst.

Wichtige Frauen-Netzwerke

Vor allem aber ist es ihr ein Anliegen, Mädchen und junge Frauen für ein MINT-Studium zu ermuntern. Bei mint & pepper, einer Initiative des Wyss Zurich Trans­lational Centers, etwa leitete sie einige Workshops für Kinder und Jugend­liche zum Thema Elektronik. «Wir bauten dabei die Schaltungen in einer Elektro-Stadt zusammen, der der Strom ausgegangen war», erzählt sie. «Wenn man am Ende sieht, wie sich die Kinder freuen, ist das toll.»

Während des Bachelor­studiums begann sie, sich bei LIMES zu engagieren – jener Organisation, die damals den für sie so wichtigen Studien­informa­tions­tag organisiert hatte. Sie übernahm dort zuerst organisa­torische Arbeiten und war die letzten eineinhalb Jahre im Vor­stand aktiv. LIMES organi­siert monatliche Treffen, Schülerin­nen­tage, Mento­rings oder Labor­besichti­gungen. Das diene nicht nur der Studien­fachwahl, sagt Amitabh. «Es ist wertvoll, wenn junge Frauen aus männer­dominierten Fächern Räume haben, in denen sie sich austauschen können.»

Denn auch heute komme es immer wieder vor, dass Männer in solchen Studien­fächern Frauen nicht ernst nähmen. Auch ihr habe einmal ein Mit­student gesagt, sie habe eine Hilfs­assistenzstelle nur bekommen, weil sie eine Frau sei. «Wenn jemand so etwas direkt sagt, kann man sich wenigstens wehren», sagt sie. Aber oft seien es eher unterschwellige Andeu­tungen. «An Frauen-An­lässen merkt man, dass es anderen Frauen auch so geht. So weiss man wenigstens, dass es nicht etwas Persön­liches, sondern system­bedingt ist.»

Der Traum vom eigenen Startup

Die zweite Organi­sation, in der sie sehr aktiv ist, ist die Quantum Enginee­ring Commission (QEC), die Studie­renden­vereinigung des Quan­ten-Enginee­ring-Studien­gangs. «Die QEC ist der Leim, der uns zusam­men­hält», sagt Amitabh. Es gibt Veran­staltungen wie Wande­rungen, Barbecues, Aus­flüge an Quanten­forschungs­institute und einen Paper Club, in dem Publi­kationen vorge­stellt werden. Amitabh hat dieses Semester das Präsi­dium der QEC über­nommen.

Während der Master­arbeit wird sie diese Engage­ments zwangsläufig etwas zurück­stellen müssen. Sie möchte diese Zeit nutzen, sich über ihre zukünf­tigen Engage­ments Gedanken zu machen – und ihre beruf­liche Zukunft zu ordnen. Sie strebe ein Doktorat an, sagt Amitabh. «Aber zuerst möchte ich etwas Luft schnuppern bei Quanten­technik-Startups.» Das würde ihr helfen für die Doktor­arbeit. Denn die soll nicht nur eine spannende Wissen­schafts­frage aufgreifen. Sie soll ein Problem lösen – wie sie es von ihren Eltern gelernt hat. «Ein Traum wäre es, während des Doktorats ein eigenes Produkt zu entwickeln und danach ein Start­up zu gründen.»