Regina Beytrison studiert Mikrotechnik an der EPFL und ist von der Schweizerischen Studienstiftung mit einem Werner Siemens-Fellowship ausgezeichnet worden.

Neugierig auf neue Materialien

Regina Beytrison erforscht Materialien für die Technologien von morgen und möchte ihr Wissen an andere weitergeben. Ein Werner Siemens-Fellow­ship der Schweizerischen Studien­stiftung gibt der Mikro­technik­studentin an der EPFL zusätzlichen Freiraum – und hilft ihr, den Blick über das eigene Fach­gebiet hinaus zu richten.

Wenn Regina Beytrison über ihre Forschung spricht, kommt sie rasch in Fahrt. Sie erzählt von Halb­leitern und Quanten­effekten, von Perowskit-Solar­zellen und neuartigen Batterien. Sie erklärt, wie sich aus dem Aufbau eines Materials auf dessen elektrische Leit­fähigkeit schliessen lässt – und weshalb solche Zusammen­hänge für künftige Technologien entscheidend sein könnten.

Dass die 22-Jährige einmal wissen­schaftlich arbeiten würde, zeichnete sich früh ab. Beytrison wuchs in Crans-Montana im Kanton Wallis auf und wollte als Kind Astro­physikerin werden. Ihre Mutter unterstützte die Neugier ihrer Tochter: Sie kaufte ihr kleine Lupen, Mikroskope und Experimentier­kästen. So tauchte Beytrison schon früh in die Welt der Forschung ein. «Meine Mutter hat mich sehr gefördert», erzählt sie.

Trotzdem führte Beytrisons Weg nicht direkt in die Wissen­schaft. «Ich habe einen Umweg über die Musik genommen», sagt sie und lacht. Sie lernte Cello spielen und war damit auch Teil eines Schüler­orchesters. Während ihrer fünf­jährigen Gymnasialzeit am Lycée-Collège de la Planta in Sitten widmete sie der Musik besonders viel Zeit. Weil die Maturitäts­ausbildung im Wallis ein Jahr länger dauert als in vielen anderen Kantonen, sei der Stunden­plan weniger gedrängt gewesen, erzählt sie.

KI mit Bedacht einsetzen

Die Naturwissenschaften verlor Beytrison trotzdem nie aus den Augen. Sie besuchte während des Gymnasiums Sommer­kurse der Eid­genössischen Technischen Hoch­schule Lausanne (EPFL), las sich selbst­ständig in verschiedene Themen ein und probierte aus, welche Fach­gebiete sie besonders faszinierten. Ihre Maturarbeit widmete sie der künstlichen Intelligenz und der Frage, wie diese ethisch eingesetzt werden kann. Damals begannen Programme wie ChatGPT gerade erst, grössere Aufmerksamkeit zu erlangen.

Auch heute setzt Beytrison KI-Program­me mit Bedacht ein, etwa um Ideen zu sammeln oder Programm­code zu erstellen. Um etwas wirklich zu verstehen und dabei zu lernen, müsse man sich selbst in ein Thema vertiefen, findet sie. Wo die Tücken liegen, wenn man sich zu sehr auf KI verlässt, hat sie schon am eigenen Leib erfahren. «Einmal hat ein Programm einen fehler­haften Code geliefert», erzählt sie. «Weil ich ihn nicht selbst geschrieben hatte, konnte ich die Fehler nicht beheben.»

Trotz der Maturarbeit stand ein Studium der Informatik nie zur Debatte. «Es gab einfach zu viel anderes, das mich interessierte», sagt sie. Und vieles, das ihr leichtfiel – schloss sie doch das Gymnasium mit der besten Matura ihres Jahrgangs ab. Ihre Wahl fiel schliesslich auf ein Mikro­technik­studium an der EPFL – gerade weil dieses Fach so viele Disziplinen verbindet: Physik, Mechanik, Elektronik und Informatik. «Es war eine sehr gute Ent­scheidung», sagt sie heute. Ein inter­disziplinäres Studium vermittle nicht bloss Wissen aus verschiedenen Gebieten. Es lehre einen auch, Verbindungen zwischen ihnen zu erkennen.

Materialien verstehen

Beytrison interessiert sich besonders für die Mikro- und Nano­technik und für Materialien, aus denen sich neuartige Bau­teile fertigen lassen. In diesem Bereich hängen Aufbau und Eigen­schaften eng zusammen: Bereits kleine Veränderungen der inneren Material­struktur können beispiels­weise beeinflussen, wie gut ein Stoff elektrischen Strom leitet oder wie er auf Licht reagiert.

Inzwischen hat Beytrison das Bachelor­studium abgeschlossen und beginnt ihren Master. Zusätzlich zum Hauptfach Mikro­technik belegt sie als Nebenfach Quanten­wissenschaften und Quanten­technologie. Je kleiner technische Bau­teile würden, desto stärker könnten Quanten­effekte ihre Eigen­schaften bestimmen, erklärt sie. «Wenn man auf winzigen Ebenen arbeitet, muss man verstehen, welche Quanten­effekte dort auftreten.»

In die Entwicklung von Quanten­computern möchte sie aber nicht einsteigen. Stärker interessieren sie die Halb­leiter­technik und die Material­wissenschaften. Wohin ihr Weg genau führen wird, lässt sie noch offen. Zunächst freut sie sich auf ein Semester­projekt mit sogenannten Perowskiten. Diese Materialien gelten als viel­versprechende Kandidaten für besonders leistungs­fähige Solarzellen.

Ein Jahr in Shanghai

Es ist nicht die erste Arbeit, die Beytrison während ihres Studiums durchführt. Eben ist sie zurück­gekommen von einem Austausch­jahr an der Shanghai Jiao Tong University. Gemeinsam mit vier weiteren Studierenden der EPFL belegte sie dort Lehr­ver­anstaltungen – und beteiligte sich an einem Forschungs­projekt. Dessen Ziel war es, Materialien zu unter­suchen, die sich für künftige Fest­körper­batterien eignen könnten. Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen und soll in einer wissen­schaftlichen Publikation münden.

Das Studien­system in Shanghai unterschied sich deutlich von jenem in Lausanne. An Schweizer Hoch­schulen könnten die Studierenden viele Kurse frei wählen, und die Professorinnen und Professoren hätten Spiel­raum, eigene Schwer­punkte zu setzen, erzählt Beytrison. In China seien die Vorgaben starrer und die Präsenz­pflichten zahl­reicher. Zudem hätten die Dozierenden zum Teil andere Erwartungen. Berichte beispiels­weise müssten sehr genau nach vor­ge­gebenen Strukturen aufgebaut sein.

Den Aufenthalt in der chinesischen Metropole bezeichnet Beytrison als unver­gessliches Erlebnis. Zugute kam ihr, dass sie bereits mit fünf Jahren begonnen hatte, Chinesisch zu lernen. Ein Jahr sei für den Aufenthalt genau richtig gewesen: lange genug, um fachlich, sprachlich und persönlich Fortschritte zu machen – aber auch, um sich am Ende wieder auf die Schweiz zu freuen. Seit ihrer Rück­kehr schätzt Beytrison die hiesigen Forschungs­bedingungen vielleicht noch etwas mehr als zuvor. «In der Schweiz herrscht ein Klima, das für gute Forschung sehr förderlich ist», sagt sie.

Wissenschaft verständlich machen

Besonders wichtig ist Beytrison, nicht nur selbst wissen­schaftliche Erkennt­nisse zu gewinnen, sondern sie auch weiter­zugeben. Bereits am Gymnasium erteilte sie Nach­hilfe. Später wirkte sie an der EPFL als Wissenschafts­vermittlerin in Veranstaltungen für Primar­schul­kinder sowie Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mit. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern führte sie Experimente durch und erklärte ihnen Phänomene aus Chemie, Robotik und Elektronik. In Shanghai unterstützte sie zudem Bachelor­studierende beim Verständnis einzelner Lehr­ver­anstaltungen.

Zur Schweizerischen Studien­stiftung stiess Beytrison nach der Matura. Die Stiftung fördert leistungs­starke und engagierte Studierende nicht nur finanziell, sondern bietet ihnen auch Seminare, Kurse und Möglich­keiten zur Vernetzung. Besonders in Erinnerung geblieben ist Beytrison ein Kurs zum Verfassen von Lebens­läufen und Motivations­schreiben. «Dabei habe ich viel über mich selbst gelernt», erzählt sie. Ebenso wertvoll findet sie den Austausch mit Studierenden aus anderen Fach­richtungen.

Freiraum für die Forschung

Während ihres Aufenthalts in Shanghai stiess Beytrison auf die Aus­schreibung für die Werner Siemens-Fellowships. «Ich dachte, das könnte zu mir passen, zumal ich in der Forschung Fuss fassen möchte.» Sie bewarb sich – mit Erfolg. Seit Sommer 2026 zählt sie zu den Empfänger­innen und Empfängern eines solchen Exzellenz­stipendiums, das sich an heraus­ragende Studierende aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Natur­wissen­schaften, Technik, Medizin und Pharmazie richtet.

Die Förderung gibt ihr Freiraum, ihren wissen­schaft­lichen Weg gezielt weiter­zuverfolgen. Mindestens ebenso sehr freut sie sich auf die viel­fältigen Veranstaltungen im Rahmen des Fellowship-Programms. Denn so wichtig fachliche Spezialisierung in der Forschung ist: Beytrison möchte sich den Blick über das eigene Gebiet hinaus bewahren. «Ich finde es wichtig, sich einen breiten Horizont zu erarbeiten», sagt sie. «Ohne Inputs von aussen bekommt man gerade in der Forschung sehr schnell einen Tunnel­blick.»

Text: Simon Koechlin