Acht aufs Mal: Eine automatisierte Klonierungs-Plattform hilft den catalaix-Forschenden, viele Proteinvarianten rasch auf ihre Eigenschaften zu testen.

Peptide, die Kunststoffe erkennen

Mit der Werkzeugkiste der Natur gegen ein grosses Umweltproblem: Die Forschungsgruppe von Ulrich Schwaneberg an der RWTH Aachen entwickelt Peptide, die massgeschneidert auf Materialoberflächen binden. Im WSS-Forschungs­zentrum catalaix sollen diese Materialbindepeptide mithelfen, Kunststoffe effizient zu erkennen, zu sortieren und zu zerlegen.

Die Natur ist eine erstaunliche Erfinderin. Sie bietet Lösungs­ansätze für eine Vielzahl von Problemen, mit denen sich menschliche Ingenieure gerade erst zu beschäftigen beginnen. Ein eindrückliches Beispiel dafür sind sogenannte Materialbindepeptide – kurze Amino­säure­sequenzen, die in der Lage sind, gezielt an bestimmte Material­oberflächen zu binden. In der Natur übernehmen sie zentrale Aufgaben: Sie dienen zum Beispiel zur Erkennung natürlicher Polymere wie Kohlenhydrate, um diese Materialien abzubauen oder zu modifizieren.

Ein klassisches Beispiel ist Zellulose, ein Haupt­bestandteil pflanzlicher Zellwände und die weltweit häufigste organische Verbindung. Es handelt sich um ketten­artige Gebilde aus einer Vielzahl von Zucker­molekülen. Bakterien, Pilze und auch Pflanzen selbst haben spezialisierte Enzyme entwickelt, um die Zellulose-Polymere wieder in ihre Bausteine aufzuspalten. «Die meisten dieser Zellulase-­Enzyme besitzen eine Binde­domäne für die material-­spezifische Erkennung natürlich vorkommender Polymere», sagt Ulrich Schwaneberg, Professor für Bio­technologie an der RWTH Aachen.

Diese Domäne, das Bindepeptid, übernimmt die Funktion eines Andock­hakens: Es verankert das Enzym auf dem Material und sorgt dafür, dass das Abbauenzym an «seinem» Substrat arbeiten kann. Natürliche Binde­peptide existieren nicht nur für Kohlen­hydrate wie Zellulose, sondern für eine Vielzahl natürlich vorkommender Oberflächen: von Muschel­schalen und Zähnen über Pflanzenb­lätter und Früchten bis zu Haaren. «Die Natur hat erstaunlich viele Binde­peptide entwickelt für die wenigen chemischen Bausteine, die sie verwendet, um ihre hochkomplexen Werk­stoffe zu bauen», sagt Schwaneberg.

Teflon, Graphen, Keramik

Ulrich Schwaneberg erkannte vor ungefähr 15 Jahren, dass dieses Prinzip in der Bio­techno­logie und den Material­wissenschaften für synthetische Polymere und Metall­legierungen neue Perspektiven eröffnet. Material­binde­peptide lassen sich mithilfe von Protein-­Engineering mass­schneidern für Anwendungen und die tech­nische Nutzung – etwa für funktionale Beschich­tungen, bio­kata­lytische Ober­flächen, programmier­bare Frei­setzungs­systeme oder innovative Analyse­verfahren. Die Band­breite ist beein­druckend. «Wir haben in den letzten Jahren eine Sammlung aufgebaut mit Binde­peptiden, die an eine Vielzahl synthetischer Polymere wie Teflon, Polypropylen, Graphen, Keramik­oberflächen oder Titan­legierungen von medizinischen Implan­taten binden», erzählt Schwaneberg.

Die synthetischen Polymere stehen im Zentrum der Arbeit von Ulrich Schwanebergs Forschungs­team im Rahmen des WSS-Forschungs­zentrums catalaix. Das Ziel von catalaix ist es, innovative katalytische Verfahren zu entwickeln, um Kunst­stoffe in wieder­verwendbare molekulare Bausteine zu recyceln und eine mehrdimensionale Kreislauf­wirt­schaft zu ermöglichen. Dazu könnten Material­binde­peptide entscheidend beitragen, indem sie biologische und chemische Kataly­satoren material-­spezifisch an die Ober­flächen binden, die diese abbauen oder sie mit Fluoreszenz­farbstoffen zu markieren.

Eine der grossen Heraus­forderungen im Umgang mit Kunststoff­abfällen ist ihre Vielfalt. Es existieren mehrere Hundert Kunststoff­sorten, oft werden sie zudem angereichert mit Zusatzstoffen wie Weich­machern, Stabilisatoren, Flamm­stoffmitteln oder Farbstoffen. In typischen Recyclingströmen kommen die unter­schiedlichsten Kunst­stoffe zusammen – sie zu sortieren und gezielt zu verwerten, bedeutet einen enormen Aufwand.

Marker in der Sortieranlage

Heute erfolgt die Sortierung gemischter Kunst­stoffabfälle meist mechanisch oder mithilfe von Infra­rotsensoren. Eine in catalaix verfolgte Idee ist es, Sortier­technologien mithilfe von Material­bindepeptiden zu verbessern. Dazu braucht es Peptide, die spezifisch an bestimmte Kunststoff­sorten binden. Sie könnten als molekulare Marker dienen, beispiels­weise indem man sie mit Farbstoffen koppelt. Geschredderte Plastik­partikel würden mit den Peptiden besprüht und anschliessend mithilfe optischer Sensoren sortiert.

Eine zweite Einsatz­möglichkeit von Material­bindepeptiden betrifft einen Kernpunkt des catalaix-Projekts: Die Peptide könnten die gezielte chemische Zerlegung von Kunststoff-­Abfällen effizienter machen, indem sie für die gezielte Positio­nierung von Enzymen oder chemischen Katalysa­toren auf dem Substrat sorgen. Ähnlich wie in der Natur könnten die Material­bindepeptide als material-spezifische Haken fungieren: Sie verankern das Enzym oder den chemischen Katalysator direkt auf der Ober­fläche des passenden Polymers und steigern so die Abbau­produktivität in gemischten Plastik­fraktionen.

Ein Verständnis entwickeln

Zuerst gilt es aber, die Grund­lagen für solche Einsatz­möglich­keiten zu schaffen. «Unser Haupt­ziel in catalaix ist es erst einmal, auf molekularer Ebene zu verstehen, wie Peptide spezifisch an die verschiedenen Kunst­stoffe binden können», sagt Ulrich Schwaneberg. Um dieses Verständnis zu entwickeln, ist es nötig, sämtliche Bau­plan­varianten von Binde­peptiden durchzu­mustern. Ein typisches Material­binde­peptid besteht aus einigen Dutzend Amino­säuren. Weil es 20 verschiedene Amino­säuren gibt, die in Proteinen vorkommen, entsteht ein riesiger Raum von möglichen Kombi­nationen. Das ist Chance und Heraus­forderung zugleich: Chancen ergeben sich, weil Binde­peptide dank der Vielfalt spezifisch wie Anti­körper an synthetische Polymere binden können. Die Heraus­forderungen liegen in der Herstellung und Durch­musterung all dieser Varianten.

Die Arbeits­gruppe von Ulrich Schwaneberg hat Verfahren entwickelt, mit denen sich Varianten identi­fizieren lassen, die besonders gut und spezifisch an bestimmte Materialien binden. Gleich­zeitig versuchen die Forschenden, die entscheidenden Wechsel­wirkungen zwischen Peptid und Ober­fläche zu verstehen. «Schritt für Schritt durch­mustern wir an jeder Binde­peptid­position die gesamte natürliche Viel­falt. So kommen wir zu material-spezi­fischen Binde­motiven und zu einem Verständ­nis von Anbindungs­mechanismen», sagt Ulrich Schwaneberg. In einer kürzlich publizierten Studie (1) untersuchte sein Team mit diesem Verfahren beispiels­weise, wie sich die Bindung eines bakteriellen Peptids an den Kunst­stoff Polystyrol verbessern lässt.

Neue Klonierungs-Plattform

Andere Unter­suchungen zeigten, dass manche Peptide in der Lage sind, an mehrere verschiedene Kunst­stoffe zu binden. Mit geringfügigen Änderungen lassen sie sich spezifischer machen. Die Forschenden untersuchten beispiels­weise ein Peptid, das sowohl an PET als auch an Polystyrol bindet. «Wenn wir die aromatische Amino­säure Phenyl­alanin entfernen, bindet es zwar noch immer stark an PET, verliert jedoch seine Fähig­keit zur starken Bindung an Polystyrol», erzählt Ulrich Schwaneberg. Solche Erkennt­nisse sind wichtig, um künftig gezielt Peptide zu entwickeln, die exakt auf einen Kunststoff­typ zuge­schnitten sind.

Im catalaix-Projekt arbeiten momentan zwei Dokto­randen mit computer­unter­stützen Modellen an Polymer­ober­flächen-Binde­peptid-Inter­aktionen, um mittel­fristig material-spezi­fische Material­bindepeptide-Biblio­theken für eine Viel­zahl synthe­tischer Poly­mere aufzubauen. Dabei hilft ihnen auch eine autom­atisierte Klonierungs-Platt­form, welche das Forschungs­team kürz­lich mit catalaix-Unter­stützung anschaffen konnte. «Die neue Platt­form ermöglicht es uns, rasch eine grosse Anzahl an Protein­varianten zu erzeugen, die wir anschliessend auf ihre Eigen­schaften testen», sagt Ulrich Schwaneberg. Die Auto­matisierung spart Zeit, reduziert Fehler und erhöht die Vergleich­barkeit der Ergeb­nisse.

Mikroplastik-Filter

Die Einsatz­möglich­keiten für Material­binde­peptide sind enorm. Eine bereits patentierte Idee von Ulrich Schwaneberg ist es, sie zur Bekämpfung von Mikro- und Nano­plastik in der Umwelt zu nutzen. Das Prinzip, das die Arbeits­gruppe entwickelt, validiert und kürzlich publiziert hat (2), ist verblüffend einfach: «Wir dekorieren magne­tische Partikel mit Binde­peptiden für die häufigsten Polymere, geben diese in die Umwelt­wasser­probe und rühren für einige Minuten um», erzählt Schwaneberg. Mit einem Magneten lassen sich die Partikel dann mitsamt den gebundenen Mikro- und Nano­plastik­teilchen aus der Lösung entfernen. Anschliessend werden die Mengen und die Art der Plastik­teilchen mit Standard-Analytik­methoden bestimmt, wie die Studie zeigte. Bereits eine Gewässer­probe von einem Liter reicht aus, um beispiels­weise die Mikro- und Nano­plastik­belastung in einem Fluss zu bestimmen.

Schwanebergs Forschungs­gruppe entwickelt auch Anwen­dungen, die keinen Zusammen­hang zum Forschungs­zentrum catalaix haben: Ein Beispiel sind Material­binde­peptide, die an medizinischen Implantaten haften und mit bakterien­abweisenden Partikeln kombiniert werden. In einem anderen Projekt entstehen Bindepeptid­methoden, mit denen sich Mikro­risse in Flug­zeugbauteilen mit einer UV-Lampe direkt vor Ort nachweisen lassen. Oder Binde­peptide, die das gezielte Ausbringen von Pflanzen­schutzmitteln ermöglichen: In einem Projekt koppelten die Forschenden Peptide, die auf den Blättern von Apfel­bäumen haften, mit kupfer­haltigen Mikro­gelen, die gegen Apfel­schorf einge­setzt werden. «Im Gewächshaus liess sich so der Kupfereinsatz um das 40-Fache reduzieren», erzählt Schwaneberg.

Effizient und günstig

Möglich ist dies dank eines entscheidenden Vorteils der Peptide: Schon winzige Mengen reichen aus, um enorme Flächen mit einem hohen Belegungs­grad zu bedecken. «Ein Gramm ist genug, um etwa 250 Quadrat­meter einer Ober­fläche zu beschichten», sagt Ulrich Schwaneberg. Zudem sei es bereits gelungen, im Labor­massstab Ober­flächen für unter einem halben Cent pro Quadrat­meter auszu­rüsten und die ent­wickelten Tauch- und Sprüh­ver­fahren seien kosten­effizient skalier­bar. Zudem können material­bindende Peptide wie alle natürlichen Polymere voll­ständig biologisch abgebaut werden.

Die Chancen stehen also gut, dass Material­binde­peptide dereinst zu einem zentralen Werkzeug in verschiedensten bio­techno­logischen Einsatz­bereichen werden. Auch das Forschungs­zentrum catalaix profitiert von den Mole­külen, die Materialien erkennen wie ein Schlüssel sein Schloss – und damit helfen, Plastik am Ende seines Lebens­wegs wieder in den Kreis­lauf zurückzu­führen.

Text: Simon Koechlin

Studie (1)

Studie (2)