
«Ich bleibe dran»
Die Neurowissenschaftlerin Yanan Zhang entwickelt eine Diagnostikplattform, mit der sich Tumore im Blut nachweisen lassen. Nun will sie die Erfindung zur Marktreife bringen. Ein UZH MedTech Entrepreneur Fellowship unterstützt sie bei der Gründung ihrer Firma.
Nur gerade vier Jahre brauchte Yanan Zhang für ihre bahnbrechende Entwicklung im Bereich Tumordiagnostik. Sie fing ihre Doktorarbeit an der Capital Medical University in Peking an und wechselte dank eines Kooperationsabkommens für das letzte Jahr an das Institut für Neurologie am Universitätsspital Zürich. Im Forschungsteam von Tobias Weiss beendete sie ihr Projekt zu extrazellulären Vesikeln (EVs), die von Tumorzellen freigesetzt werden.
EVs kann man sich als umhüllte Partikel vorstellen, die von Zellen jeglicher Art abgesondert werden und jeweils Proteine, RNA und DNA der Ursprungszelle enthalten. Mithilfe dieser spezifischen EVs geben Zellen verschiedene Informationen an andere Zellen weiter.
Hohe Treffsicherheit
Auch Krebszellen sondern bereits in einem frühen Stadium zahlreiche EVs ab. Die Flüssigbiopsie-Plattform, an der Yanan Zhang arbeitet, erlaubt es, schon geringste Spuren von Tumor-Vesikeln im Blut von Patientinnen und Patienten aufzuspüren. Das ist ein Durchbruch bei der Diagnose des häufigsten direkt im Hirn entstehenden Tumors bei Erwachsenen, des Glio-blastoms. Denn dieses konnte man bisher nicht zuverlässig im Blut detektieren. Die Flüssigkeitsbiopsie-Plattform macht das nun möglich, was grosses Potenzial für eine frühzeitige Diagnosestellung und bessere Verlaufskontrolle unter Therapien hat.
Als Postdoktorandin etablierte Zhang Biomarker, die EVs von Glioblastom-Zellen mit einer Treffsicherheit von 98 Prozent anzeigen. «Das war der Anfang der Plattform», sagt die Forscherin. Mittlerweile kann die Flüssigbiopsie-Plattform auch die EVs von Lungen- und Brustkrebs sowie Pankreas- und Hautkrebs aufspüren. Vier Milliliter Blut reichen für den Test aus. Selbst wenn unspezifisch ganz generell nach Krebszellen gesucht wird, liegt die Erfolgsquote bei 91 Prozent.
Nun möchte Zhang ihre innovative Plattform für die Diagnostik und das Monitoring von Krebs auf den Markt bringen. Der Schritt von der Forscherin zur Firmengründerin ist kein einfacher. Doch bis die Firma gegründet ist – voraussichtlich in den nächsten Monaten –, übernimmt Zhang, im Team mit Tobias Weiss, voller Energie alle anfallenden Aufgaben. Und das sind nicht wenige: den Prototyp der Diagnostikplattform verbessern, den wissenschaftlichen Artikel dazu publizieren, die Businesskurse besuchen, mit potenziellen Investoren sprechen – einer hat ihr bereits ein Kaufangebot unterbreitet. «Wir haben es ausgeschlagen», sagt Zhang, «wir wollen einen Investor, der unseren Exzellenzanspruch teilt.»
Ihr grösster Mentor ist Tobias Weiss, Leitender Oberarzt an der Klinik für Neurologie. «Er ist ein fantastischer Chef», lobt Zhang. Und er ist von der Diagnostikplattform seiner Postdoktorandin mit mittlerweile eigener Forschungsgruppe überzeugt. Tobias Weiss unterstützt das Vorhaben sehr und gestaltet es aktiv mit. Er war es auch, der Zhang vor einem Jahr für ein UZH MedTech Entrepreneur Fellowship empfohlen hat, ein von der Werner Siemens-Stiftung finanziertes Weiterbildungsangebot der Universität Zürich, das Forschende bei der Gründung einer eigenen Firma unterstützt.
Erster Test weltweit
Zhangs Firma wird Sitz in der Schweiz nehmen und zu Beginn «nur» die Diagnose von Hirntumoren anbieten. Denn dieses Angebot ist neu. «Es ist ein neuartiger Bluttest und der erste, der eindeutige Hinweise auf vom Glioblastom stammende EV-Signale im Blut liefert», sagt Zhang. Danach wird sie den Test für die Diagnose anderer Krebsarten weiterentwickeln.
Die Kunden – Kliniken und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte – brauchen bei Verdacht auf Hirntumor einfach eine Blutprobe des Patienten oder der Patientin einzuschicken; nach rund zwei Tagen erhalten sie das Resultat. Mit einer Treffsicherheit von über 90 Prozent bleibt die Validierung in grösseren, unabhängigen klinischen Studien ein entscheidender nächster Schritt. Ist die Firma in der Schweiz etabliert, wird die Expansion den asiatisch-pazifischen Raum und in die USA angestrebt.
Bei einer Firmengründung gibt es enorm viel zu bedenken und zu leisten. Was belastet Zhang am meisten? «Der Markteintritt und was alles dafür getan, bedacht und abgesichert werden muss.» Schläft sie noch gut? «Nein», sagt Zhang und lacht fröhlich. Hat sie wenigstens am Wochenende frei? «Nein!» Was treibt sie so unermüdlich an? «Wenn ich mir ein Ziel setze, bleibe ich dran, bis ich es erreicht habe. Die Firma ist mein Baby. Ich will Erfolg.»










