Ferda Canbaz leitet das Zentrum für intelli­gente Optik am Department of Bio­medical Engineering (DBE) der Universität Basel. Sie ist auch Gruppen­leiterin im MIRACLE II-Projekt - und hat nun mit ihrem Team einen neuen Laser-Schneidrekord aufgestellt.

Ein neuer Laser-
Schneidrekord

Ein Laser-Roboter, der Knochen präzise schneidet: Das ist das Ziel des MIRACLE II-Projekts an der Universität Basel. Auf dem Weg dorthin hat nun die Forschungs­gruppe von Ferda Canbaz einen wichtigen Fort­schritt erzielt: Mit einer neuen Lasermethode gelang es dem Team, Knochen­schnitte von bis zu 4,4 Zentimeter Tiefe durch­zuführen – ein Rekord.

Noch immer zählen Sägen und Bohrer zu den wichtigsten Werk­zeugen der Knochen­chirurgie. Wenn es nach dem von der Werner Siemens-Stiftung (WSS) unter­stützten MIRACLE II-Team an der Universität Basel geht, dann wird dieser Werkzeug­kasten in Zukunft durch Laser ergänzt. «Beim Sägen und Bohren entsteht an der Reibungs­fläche grosse Hitze, die das Gewebe rund um die Schnitt­stelle zerstören kann», sagt Ferda Canbaz, Leiterin des Zentrums für intelli­gente Optik am Department of Bio­medical Engineering (DBE) der Universität Basel und Gruppen­leiterin im MIRACLE II-Projekt.

Laser hingegen üben keinen mechani­schen Druck aus. Das ist schonender für das umliegende Gewebe und vermindert das Risiko, dass winzige Risse im Knochen entstehen. Zudem gelten Laser als extrem präzise und flexibel. Sie könnten auch spezielle Schnitt­formen ermöglichen, in die sich zukünftig mass­geschneiderte, 3D-gedruckte Implantate einfügen lassen, wie sie ebenfalls im Rahmen von MIRACLE II entwickelt werden.

Bis heute kommen Laser allerdings vorwiegend in der Weich­teil­chirurgie zum Einsatz, zum Beispiel in der Augen­chirurgie oder für Haut­behand­lungen. Beim Knochen­schneiden stösst die Technik an Grenzen: Mit bisherigen Lasern sind nur Knochen­schnitte von zwei bis drei Zentimeter Tiefe möglich. Das reicht für manche Eingriffe am Kiefer oder im Gesicht – etwa durch den von einem DBE-Spin-off entwickelten Laserroboter CARLO. Für andere, zum Teil sehr häufige Operationen wie das Einsetzen von Knie- oder Hüft­implantaten ist es zu wenig.

Energieverteilung verändert

Nun aber haben Ferda Canbaz und ihr Team eine Möglich­keit gefunden, um die Schnitt­tiefe von Lasern deutlich zu erhöhen. In einer Publikation im Fachm­agazin «Scientific Reports» (*) zeigen sie auf, wie sich Knochen­schnitte bis in eine Tiefe von 4,4 Zenti­metern ausführen lassen. Natürlich könnte man dazu einfach die Energie des Laser­strahls erhöhen. Doch das wäre keine gute Idee, sagt Ferda Canbaz. «Ist die Energie zu hoch, beginnt der Knochen zu verkohlen – und die Heilung ver­schlechtert sich.»

Statt­dessen kamen die Forschenden auf die Idee, eine andere Verteilung der Energie im Laser­strahl auszu­probieren. Im Quer­schnitt betrachtet, ist der Laser­strahl üblicher­weise in der Mitte am stärksten und wird zum Rand hin schwächer – ganz ähnlich wie bei einer Taschen­lampe, deren Licht­kegel im Zentrum am hellsten ist. Im Querschnitts­profil ergibt die Licht­intensität eine soge­nannte Gauss-Kurve mit einer abgerundeten Spitze in der Mitte. Bei einem solchen Profil absorbieren die Wände des Schnitts bei zunehmender Tiefe immer mehr Energie – irgendwann reicht sie nicht mehr aus, um Knochen­material abzutragen.

Statt des Gauss-Profils verwendeten die Forschenden deshalb einen Laser, bei dem die Energie des Strahls gleichmässig über die gesamte Fläche verteilt ist. Erst ganz am Rand fällt sie abrupt ab. Ihrer Profil­form wegen wird diese Verteilung im Englischen als «top hat» bezeichnet, also «Zylinderhut». Der Vorteil: Dank der gleich­mässig verteilten Energie kann der Laser schneller und effizienter schneiden – und tiefer ins Gewebe vordringen.

Einstweiliger Rekord

Das Team testete die beiden Laser-Profile an Rinder­knochen – unter denselben Bedingungen: Der Knochen wurde fort­während mit Druck­luft und Wasser gereinigt und gekühlt, um Hitze­schäden zu vermeiden und die Schnitt­fläche freizu­halten. Dabei zeigte sich die Über­legenheit der Top-Hat-Methode: Mit ihr erreichte das Team eine Schnitt­tiefe von 4,4 Zentimeter, mit der Gauss-Methode bloss 2,6 Zentimeter.

Damit habe die neue Methode ihre Erwartungen übertroffen, sagt Ferda Canbaz. Denn der von den Forschenden verwendete Top-Hat-Laser verfügte über eine nur etwa halb so gute Strahlen­qualität wie der verwendete Gauss-Laser. «Gemessen daran hätte der Top-Hat-Laser nur halb so tief schneiden dürfen», sagt Ferda Canbaz. «Er schneidet aber doppelt so tief – wir erreichen also eine fast vier­fache Verbesserung.»

Die Forscherin ist deshalb auch überzeugt, dass sich die Schnitt­tiefe noch einmal vergrössern lässt – und damit theore­tisch für praktisch sämtliche knochen­chirurgischen Eingriffe einsetzbar würde. Bei einer Knie­prothese beispiels­weise sind chirurgische Eingriffe bis ungefähr sieben Zenti­meter Knochen­tiefe nötig. «Solche Tiefen sollten sich erreichen lassen», sagt Ferda Canbaz.

Schneller schneiden

Allerdings ist die Schnitt­tiefe nicht der einzige Aspekt, den es weiter zu verbessern gilt. Schwieriger – und wissen­schaftlich spannender – sei die Optimierung der Schneide­geschwindigkeit, sagt Ferda Canbaz. Denn noch sind Laser-Knochen­sägen deutlich langsamer als solche aus Metall: Der Top-Hat-­Laser trug ungefähr 0,4 Kubikmilli­meter Material pro Sekunde ab. Das ist zwar fast doppelt so viel wie der Gauss-Laser – aber über 20-mal weniger als eine Knochen­säge während einer Knie­gelenk­ersatz-Operation.

«Wir müssen die Geschwindig­keit der Laser um ein Mehr­faches steigern», sagt Canbaz. Das sei zwar eine Heraus­forderung. «Aber wir arbeiten daran. Wir haben einige Ideen, um das zu bewerk­stelligen.» Ausser­dem geht es in den nächsten Schritten darum, das Laser­schneide-System vom toten Rinder­knochen an das komplexe Umfeld im menschlichen Körper anzupassen.

Gewebe und Abstände messen

Im Rahmen des MIRACLE II-Projekts stellen sich zudem mehrere zusätz­liche Heraus­forderungen. Zum einen muss die Laser­optik für minimal­invasive Eingriffe in einer miniaturisierten Robotik-Spitze in den Körper gebracht werden. Zum anderen braucht es Steuerungs- und Sicherungs­mechanismen: «Der Laser, den wir hier getestet haben, schneidet alles durch, was sich ihm in den Weg stellt», sagt Canbaz. «Die MIRACLE-Sonde aber benötigt Mess- und Feed­back-Systeme.» Denn schliess­lich darf der Laser im Körper den Knochen nur an einer bestimmten Stelle bis in eine bestimmte Tiefe schneiden, um das umliegende Gewebe nicht zu schädigen.

Noch ist viel Arbeit nötig, um diese Ziele zu erreichen. Aber für Ferda Canbaz und das gesamte MIRACLE II-Team ist klar: Die Chirurgie der Zukunft ist personalisiert. Implantate werden künftig per 3D-Druck in allen möglichen Formen genau passend hergestellt werden – und die dazu nötigen Knochen­schnitte müssen präzise und minimal­invasiv erfolgen. «Um all diese Formen zu schneiden, eignen sich Knochen­sägen nicht», sagt Ferda Canbaz. «Dafür sehe ich keine andere Möglichkeit als Laser.»

(*) Zur Studie