
Sonne, Mond und Wasserstoff
Die Forschungsgruppe von Martin Saar an der ETH Zürich hat einen Simulator entwickelt, der so genau wie nie zuvor berechnet, wo sich Geothermieprojekte finanziell lohnen könnten. Zudem machen sich die Forschenden einer aufregenden Hypothese auf die Spur: Könnten die Gezeitenkräfte zur Bildung von Wasserstoff in der Erde führen?
Wer Energie aus dem Erdinneren nutzen möchte, muss nicht nur geothermische Reservoire finden. Es gilt auch abzuschätzen, ob sich die kostspieligen Bohr- und Förderarbeiten lohnen werden. Die von Martin Saar geleitete Forschungsgruppe für Geothermische Energie und Geofluide (GEG) an der ETH Zürich ist spezialisiert auf solche Untersuchungen. Sie hat in den letzten Jahren einen Simulator entwickelt, der solche techno-ökonomische Abklärungen auf ein neues Niveau hebt.
Der neue Simulator namens TANGO (für: Techno-economic ANalysis of Geoenergy Operations) wurde im Herbst am Europäischen Geothermie-Kongress in Zürich der Forschungsgemeinschaft erstmals vorgestellt. «Wir können mit TANGO tausende Simulationen von verschiedenen Reservoiren, Bohrlöchern, Kraftwerken und Optimierungsroutinen durchführen», sagt Martin Saar. «So ermitteln wir, an welchen geologischen Standorten und unter welchen Konfigurationen welche Art von Geothermiekraftwerk künftig mit anderen Energieformen wettbewerbsfähig sein kann.»
Ein wichtiger Anwendungsfall für den Simulator ist das CPG-Konsortium. Gemeinsam mit Firmen wie Shell, Petrobras, Holcim und Ad Terra Energy untersucht Saars Team dabei, ob sich bestehende Reservoire für eine neuartige, innovative Kombination aus CO2-Speicherung und geothermischer Energieproduktion nutzen lassen. Wirtschaftlichkeits-Untersuchungen sind bei dem Grossvorhaben entscheidend. Die erste Phase des Projekts sei inzwischen abgeschlossen, erzählt Saar. Nun gehe es in der nächsten Phase unter anderem darum, ein geeignetes Reservoir zu bestimmen, um ein Demonstrationsprojekt durchzuführen.
Einzigartiges MRI-Gerät
Gleichzeitig nehmen jene Projekte Fahrt auf, die Saars Gruppe im Rahmen der 2024 gestarteten neuen WSS-Förderphase geplant hat. Herzstück der neuen Förderphase ist ein weltweit einzigartiger, spezialangefertigter Multinuklid-Magnetresonanztomograf (MRI). Mit diesem Gerät können die Forschenden in den kommenden Jahren in Gesteins-Modellen geologische und geothermische Untersuchungen durchführen, die bislang nicht möglich waren.
Adam Altenhof, ein Experte in MRI-Technik in Saars Team, hat in den letzten Monaten das Design und die Spezifikationen des neuartigen Geräts erarbeitet, das nun von einer US-Firma speziell angefertigt wird. Der Tomograf wird mit drei Tonnen zwar für ein solches Gerät relativ leichtgewichtig sein. Trotzdem bewegt es sich in einer Grössen- und Gewichtsklasse, die Anpassungen der Laborräumlichkeiten notwendig macht. «Wir haben mit Ingenieuren, Architekten, Statikern und Elektrikern ein Dreiviertel-Jahr lang daran gearbeitet, die Umbaugenehmigung der ETH Zürich zu erhalten», erzählt Saar.
Wasserstoff im Gestein
Derweil haben sich die Forschenden bereits Fördergelder für erste spannende Projekte mit dem MRI gesichert. In einem, finanziert durch das Centre for Origin and Prevalence of Life (COPL) der ETH Zürich, werden Saar und sein Team die Entstehung von natürlichem Wasserstoff in der Erdkruste untersuchen. Lange Zeit ging man davon aus, dass es keine natürlichen Wasserstoffreservoirs in der Erde gibt – zu flüchtig und zu reaktiv ist das Gas. «Inzwischen weiss man, dass solche Vorkommen existieren, aber wo und unter welchen Umständen sie entstehen, ist noch unklar», sagt Martin Saar.
Radikale spalten Wasser
Es gibt unterschiedliche Theorien, und eine davon werden die Forschenden im MRI unter die Lupe nehmen: Demnach könnten Festlandgezeiten – also periodische Verformungen der festen Erdkruste, die durch die Anziehungskräfte des Mondes und der Sonne verursacht werden – oder tektonische Prozesse in der Erde und in anderen Himmelskörpern, die das Gestein brechen, für die Bildung natürlichen Wasserstoffs sorgen.
Durch das Brechen von Silikatgesteinen entstehen freie Radikale. Freie Radikale sind Moleküle mit einem ungepaarten Elektron. Treffen sie auf Wasser, können sie es in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. «Diese beiden Moleküle gelten als Schlüsselstoffe, damit auf einem Planeten Leben entstehen kann», sagt Saar.
Der neue Magnetresonanztomograf ist perfekt geeignet, um solche Vorgänge zu erforschen. Denn er ist nicht nur in der Lage, alle an den Reaktionen beteiligten Atome und Moleküle nachzuweisen, sondern sogar die Radikale – und das in 3D. «Im MRI setzen wir Gesteinsproben Drücken und Temperaturen aus, wie sie in der Erdkruste herrschen, und brechen sie», erklärt Saar. «Gleichzeitig durchströmen wir die dann leicht durchlässigen Gesteine mit Wasser und können sowohl die gebildeten Radikale als auch die Umwandlung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff in 3D über die Zeit visualisieren.»
Das Projekt wird nicht nur zu entschlüsseln helfen, wie natürlicher Wasserstoff in der Erdkruste entsteht und wie sich diese emissionsfreie Energieressource am besten nutzen lässt. Es zeigt auch beispielhaft auf, welche aufregenden Fragen die GEG-Gruppe künftig mit ihrem neuen, einzigartigen Tomografen untersuchen kann.










